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Aktuelle und zukünftige Herausforderungen beim Pflanzenschutz in Erdbeeren, Teil 2

Aktuelles Spezialkulturen
20.03.2018
Erdbeerexperten Arno Fried, Ulrich Henser und Felix Koschnick
Erdbeerexperten Arno Fried, Ulrich Henser und Felix Koschnick (v.l.n.r.)

Am Rande der Europäischen Spargel- und Erdbeerbörse (Expose) haben wir uns für ein Gespräch mit Arno Fried, Landratsamt Karlsruhe (Landwirtschaftsamt Bruchsal) und Felix Koschnick, ESTEBURG Obstbauzentrum, Versuchsstation Beerenobst Langförden (Landwirtschaftskammer Niedersachsen) getroffen. Beide diskutierten mit Ulrich Henser, Technischer Manager Spezialkulturen Syngenta, aktuelle Themen im Erdbeeranbau in Nord- und Süddeutschland.

Hier geht's zu Teil 1 des Interviews.

Welche Herausforderungen sehen Sie in der Beratung aktuell beim Schutz vor tierischen Schädlingen?

F. Koschnick: Durch die Ausweitung des geschützten Anbaus bekommen wir Probleme durch den kalifornischer Blütenthrips (Frankliniella occidentalis). Diesen Schädling haben wir zuerst in Gewächshäuser in Nordrhein-Westfalen festgestellt, in denen früher Gemüse- und Zierpflanzen angebaut wurden. Der Einsatz von Nützlingen zur Eindämmung ist möglich, allerdings mit hohen Kosten verbunden, vor allem bei der Anschaffung und durch das permanente Monitoring. Der andere Schädling, die Kirschessigfliege (KEF), taucht bei uns im Norden ab der Reife der Kirschen auf. Die Ausfälle in Erdbeeren sind allerdings nicht so massiv wie im badischen Raum.

A. Fried: Bei der KEF haben wir in Süddeutschland bei den Erdbeeren im frühen Tunnel- und im Freilandanbau bei frühen Sorten keine Probleme. Erst bei den späten Sorten wie z.B. Malvina und bei remontierenden Sorten treten Schäden auf, die sogar bis zum totalen Ernteverlust führen können.

Durch den Wegfall von Vertimec haben wir große Probleme bei der Bekämpfung der Erdbeer-(weichhaut) milbe im Freiland, weil das neue Vertimec Pro nur im geschlossenen Anbau auf versiegelten Flächen angewendet werden darf. Seit 2016 haben wir neue Blattlausarten (Grünfleckige und Grünstreifige Kartoffelblattlaus) bei Erdbeeren gefunden, die bisher keine Bedeutung hatten, nun aber ein Problem sein können. In Versuchen konnten wir mit nicht zulässigen Insektiziden eine gute Wirkung erzielen. Wir müssen immer mehrere Produkte für Schaderreger haben, um eine Alternative in petto zu haben und nach Guter fachlicher Praxis (GAP) einen Wirkstoffwechsel durchführen zu können. Leider steht uns das aber nur noch selten zur Verfügung. Im Gegenteil, wir müssen immer häufiger froh sein, wenn wir überhaupt noch einen Wirkstoff haben.

Thripsschaden Erdbeerblüte

Thripsschaden an Erdbeerblüte

Die Zulassungssituation wird speziell bei Insektiziden immer wieder als ein besonders kritischer Faktor diskutiert. Wie bewerten Sie die Situation jetzt und in Zukunft?

U. Henser: Generell müssen wir feststellen, dass wir immer mehr Zulassungen bzw. Produkte bei Insektiziden verlieren. Dies trifft den gesamten Bereich der Spezialkulturen besonders stark. Das wird sich in den kommenden Jahren weiter verschärfen. Neue Produkte, vor allem neue Wirkungsmechanismen werden eine Ausnahme sein. Spannend wird auch die Frage des Schutzes vor neuen invasiven Schädlingen sein, die möglicherweise im Zuge des Klimawandels bei uns auftreten werden.

Wie sieht die Situation bei den Herbiziden im Erdbeeranbau aus?

A. Fried: Bei den Herbiziden haben wir noch einige Bodenherbizide, die eine Bekämpfungsstrategie nach der Pflanzung im Freiland und in den Zwischenreihen bei Dammkulturen ermöglichen. Zum Abbrennen der Ausläufer im Pflanzjahr und für eine Behandlung nach der Ernte gibt es, auch nach dem umfangreichen Versuchsjahr 2017 zu dieser Problematik, keine befriedigende Alternative zu Basta. Gerade bei Dammkulturen ist der Umstieg auf die mechanische Bekämpfung eine Herausforderung, weil der Streifen am Dammfuß (Boden zur Folie) nicht mechanisch bereinigt werden kann. Wir haben verschiedene pelargonsäurehaltige Herbizide aus dem Haus- und Kleingartenbereich getestet und sehen mit einer mehrfachen Anwendung eine gewisse Alternative, sofern sie im Erwerbsanbau eine Zulassungserweiterung erhalten. Die hohen Produktkosten stellen eine wirtschaftliche Anwendung in Frage.

F. Koschnick: Potentielle Mittel, die mehrfach angewendet werden müssten, bekommen keine Zulassung. Im Versuchswesen konzentrieren wir uns aktuell auf Kombinationen der verbliebenen Herbizide mit zum Beispiel Pelargonsäuren, umso unter Umständen auch in zeitlich versetzten Spritzungen ähnliche Erfolge wie mit Basta zu erzielen. Vor allem in der Vermehrung war Basta im Norden ein gesetztes Produkt. Die Betriebe werden aber auch erfinderisch und entwickeln ihre eigenen Lösungen, beispielsweise nimmt der Einsatz mechanischer Methoden zu. Mechanische Lösungen bedeuten zusätzlichen Aufwand und damit zusätzliche Kosten. Das macht es für Lieferanten zum LEH schwierig, die Kosten entsprechend in Umsätzen wiederzufinden.

Aus der Praxis kommen viele Fragen zu Additiven. Kann man damit die Wirkung der Pflanzenschutzprodukte verbessern?

A. Fried: Eine schwierige Frage, weil es eine große Anzahl von Additiven gibt. Wir haben mit einzelnen Additiven, z.B. Break Thru in Kombination mit Pirimor Granulat gegen die Apfelblutlaus eine Verbesserung der Wirkung festgestellt. In Versuchen mit Zusatzstoffen gab es meist keine Wirkungssteigerung oder sogar negative Effekte, wie z.B. starke Unverträglichkeiten. Die neuen Formulierungen von Pflanzenschutzmitteln sind in der Regel gut. Zusätze sind meist nicht erforderlich. Bei Tankmischungen wird es ganz kompliziert. Eigene Tastversuche auf kleiner Fläche bzgl. der Verträglichkeit können große Schäden vermeiden.

Eine breite Empfehlung von Additiven kann man daher nicht geben. Der Markt blüht, aber die Additive müssen besser geprüft werden. Additive können zum Beispiel auch zu einer höheren Auslastung der Rückstandshöchstgehalte führen.

U. Henser: Unser Applikationstechnikteam arbeitet seit vielen Jahren daran, die Ausbringung von Pflanzenschutzmitteln zu optimieren. Positive Erfahrungen mit Additiven konnten wir beispielsweise beim Fungizideinsatz in Kulturen machen, die eine starke Wachsschicht haben, z.B. im Kohl, wo durch Additive eine bessere Anlagerung erreicht wurde. Allerdings würde ich ebenfalls davor warnen, Additive ungeprüft einzusetzen. Die Gefahr, einen zusätzlichen Rückstand zu erzeugen bzw. Rückstandshöchstgehalte zu überschreiten ist hoch.

Werfen wir noch einen Blick auf aktuelle Marktentwicklungen. Wie schätzen Sie die weitere Entwicklung bei der Verfrühung von Erdbeeren ein?

A. Fried: Der Anbauumfang im geschützten Anbau hat stark zugelegt. Wir gehen heute davon aus, dass mindestens 10 % der Erdbeeranbaufläche mit Tunnel/Gewächshaus überdacht sind. Ein Ende dieser Entwicklung ist meines Erachtens noch nicht in Sicht. Die Erträge im Tunnel sind höher, dadurch erhöht sich der Anteil der Produktionsmengen aus dem geschützten Anbau.

Wir im Süden, vornehmlich in der Rheinebene, müssen mit unseren Erdbeeren möglichst früh an den Markt kommen. Wenn die für unsere Verhältnisse sehr großen Betriebe im Norden mit der Ernte beginnen, sollten wir schon einen großen Teil unserer Ernte zu guten Preisen vermarktet haben. Die Direktvermarktung spielt bei uns in den dichter besiedelten Regionen eine große Rolle. In den Hofläden und den Verkaufsständen werden deutlich höhere Preise erzielt.

Verändert der geschützte Anbau die aus dem Freiland bekannten Pflanzenschutzstrategien?

A. Fried: Weil die Klimaverhältnisse im geschützten Anbau anders sind, verschieben sich die Anbauprobleme. Vor allem Schaderreger, die im zeitigen Frühjahr durch höhere Luftfeuchte gefördert werden, können ohne ausreichende Lüftung große Probleme bereiten. Z.B. die bakterielle Eckige Blattfleckenkrankheit kann bei den feuchten Bedingungen und Sonnenschein im Frühjahr, mit schnell ansteigenden höheren Temperaturen stärker auftreten. Im weiteren Jahresverlauf treten eher aride Verhältnisse auf, was insbesondere Blattläuse und vor allem die Gemeine Spinnmilbe fördern kann.

F. Koschnick: Bei uns werden 95 % der Erdbeeren im Freiland angebaut, daher arbeiten wir natürlich daran Pflanzenschutzstrategien für’s Freiland zu optimieren, durch den zunehmenden geschützten Anbau wird dieses für den Norden neuere Aufgabenfeld stetig größer. Der Norden ist bekanntermaßen eine späte Lage. Dennoch nimmt der Tunnelanbau auch bei uns stark zu, Gründe sind Qualität, Boden, Pflanzenschutz, Erntezeiten, Kulturzeiten wie auch im Süden. Interessant an Pflanzenschutzstrategien im geschützten Anbau ist, dass hier Nützlinge deutlich effizienter eingesetzt werden können, um den klassischen Pflanzenschutz zu unterstützen.

Robotik im Erdbeeranbau

Robotik im Erdbeeranbau

Zum Abschluss noch eine Frage: Was wäre aus Ihrer Sicht eine Innovation im geschützten Erdbeeranbau?

A. Fried: Der geschützte Anbau ist ganz klar der Innovationstreiber im Erdbeeranbau in Süddeutschland. Die Produktionskosten sind allerdings sehr hoch und Fehler oder Schaderreger in der Produktion können den Betrieb stark ins Minus bringen. Entsprechend müssen die Kulturen sachgerecht und sicher geschützt werden. Dafür sind Pflanzenschutz- und Düngemittel erforderlich. Das trifft für den Bio- und den IP-Anbau zu. Ohne Pflanzenschutz kommt keine Produktion zurecht.

F. Koschnick: Innovationen wird es in Zukunft sicher im Bereich der Automatisierung für den Obstbau geben. Pflückmaschinen, Robotik für PSM-Anwendungen, bessere, resistentere Sorten, effizientere Kulturtechnik. Doch wie Arno Fried das schon sagte: Ganz ohne Pflanzenschutz kommt keine Produktion zurecht.

Vielen Dank für das Gespräch!

Kurze Vita

Arno Fried: Dipl. Ing. Gartenbau (FH), Abteilungsleiter der übergebietlichen Sonderkulturberatung beim Landratsamt Karlsruhe, eigener Schwerpunkt ist der Pflanzenschutz im Obstbau

Felix Koschnick: Dipl. Ing. agr., Leitung Versuchswesen Beerenobst, ESTEBURG Obstbauzentrum Versuchsstation Beerenobst Langförden. Schwerpunkte in der Arbeit: Pflanzenschutz, Sortenprüfung und Anbauverfahren

*FRAC www.frac.info