In den eisigen Gewässern nahe des Polarkreises wächst eine uralte Meeresalge, die dort seit Jahrtausenden gedeiht.
Entlang der endlosen Küsten Norwegens breiten sich dichte Teppiche von Ascophyllum nodosum, auch bekannt als Knotentang, aus. Ihre rostfarbenen Blätter, von der Sonne gebleicht und den unbarmherzigen Elementen ausgesetzt, fächern sich über den Felsen auf. Darunter, in den klaren, kühlen Wassern, wiegen sich die olivgrünen Blätter sanft in den Wellen.
Doch hinter dieser friedlichen Kulisse verbirgt sich eine erstaunliche Widerstandskraft. Diese Alge trotzt seit Jahrtausenden einigen der härtesten Umweltbedingungen der Erde. Im Sommer dringt beinahe ununterbrochenes Sonnenlicht für Monate durch das Wasser, während im Winter Wochen völliger Dunkelheit herrschen – die Sonne geht schlicht nicht mehr auf. Stürme mit Windgeschwindigkeiten bis zu 180 km/h peitschen entlang der norwegischen Küste.
Und dennoch: Etwas in dieser zähen Alge lässt sie nicht nur überleben, sondern aufblühen. Schon die Wikinger wussten das. Sie nutzten die Gezeiten, um die Pflanzen zu ernten und als Futter für ihr Vieh sowie zur Bodenverbesserung ihrer Felder einzusetzen. Jahrhunderte später wird diese Tradition fortgeführt: Fischer, die ihre Arbeit am Mond und an den Gezeiten ausrichten, ernten den Knotentang bis heute.
Inzwischen treiben Extrakte dieser robusten Alge eine neue Ära der biologischen Landwirtschaft an. Generationenwissen, modernste Wissenschaft und eine flexible globale Lieferkette machen dies möglich. Überall auf der Welt setzen heute Millionen Landwirte Produkte ein, die Spuren dieser arktischen Superpflanze enthalten – ein Zusammenspiel von Tradition und Technologie.
Oddmund Hestvik hat fast ein halbes Jahrhundert damit verbracht, Ascophyllum nodosum zu ernten
Ernten im Rhythmus der Gezeiten
Seetang zu ernten heißt, die Zeit nach den Gezeiten zu messen und die Bewegungen des Schiffs nach dem Mond zu bestimmen.
Oddmund Hestvik erntet seit 50 Jahren entlang der norwegischen Küste – der zweitlängsten Küstenlinie der Welt. Wie er erklärt, folgt diese Arbeit nicht dem typischen Büroalltag. „Das ist ein gutes Leben, ein freies Leben. Du richtest dich nicht nach der Uhr, sondern nach dem Mond, nach der Flut.“
Zwar sind die Bedingungen oft rau, doch ebenso beeindruckend. Meist arbeitet man allein oder zu zweit, begleitet nur von Möwen – oder, mit etwas Glück, von Walen oder Delfinen. Manche Fischer berichten sogar, Füchse und Kaninchen schwimmen gesehen zu haben, die sich durch die eisigen Fjorde wagten. Und bei jeder Ernte, egal zu welcher Stunde, scheint der Horizont zum Greifen nah.
„Es ist wunderbar, auf einer der Inseln aufzuwachen, ohne jemanden um dich herum – alles ist ruhig und friedlich“, sagt Hestvik lächelnd. „Das ist ein gutes Leben.“
Die arktische Ernte
Doch das Ernten von Seetang ist harte Arbeit – und komplizierter, als man denkt. Als Hestvik begann, wurde alles von Hand erledigt. Bei Flut verbrachten die Fischer Stunden in der Kälte, um die schwimmenden Algenblätter sorgfältig zu schneiden.
Diese Methode ähnelte der der alten Wikinger, die sich einst Wege durch den Knotentang bahnen mussten, um mit ihren Schiffen voranzukommen.
Erst 1973 änderte sich das – dank Hestvik selbst. Gemeinsam mit dem lokalen Familienunternehmen ALGEA, gegründet in den späten 1930er Jahren, entwickelte er eine völlig neue Erntemaschine. Diese innovative Konstruktion schnitt und saugte den Tang gleichzeitig und sammelte ihn in stabilen Netzen. Die speziell geformte Düse des Schiffes wurde oft mit einem Elefantenrüssel verglichen – sanft, aber präzise im Umgang mit der wertvollen Ressource.
Unter Wasser kann Ascophyllum nodosum bis zu 10 Meter lang werden. Beim Ernten werden nur die überflüssigen Blätter abgeschnitten – der essenzielle Pflanzenstamm bleibt unversehrt, sodass der Tang nachwachsen kann. Wie ein Florist, der Blumen für einen Strauß schneidet, aber die Stängel stehen lässt, damit neue Blüten entstehen.
Hestviks Design revolutionierte die lokale Industrie. Heute ist eine Flotte von acht Schiffen, abgeleitet von seinem ursprünglichen Modell, ganzjährig entlang des Polarkreises im Einsatz. Sobald ein Netz voll ist, löst es sich vom Schiff und der geerntete Knotentang treibt in den klaren Gewässern, bis ihn ein Schlepper abholt.
Die aktiven Kräfte der Alge
Was einst Viehfutter der Wikinger war, steht heute im Zentrum einer der spannendsten Entwicklungen der modernen Agrarwissenschaft.
Ascophyllum nodosum ist heute eine Schlüsselkomponente bei der Entwicklung biologischer Agrartechnologien, die auf natürlichen Prinzipien beruhen. Diese sogenannten Biologicals stärken Pflanzen gegen Stress, fördern die Bodengesundheit und unterstützen Landwirte bei der nachhaltigen Schädlings- und Krankheitsbekämpfung – damit sie hohe Erträge umweltschonend sichern können.
Die Eigenschaften, die der Alge ihre Widerstandsfähigkeit verleihen, bilden die Grundlage für diese „Resilienz in der Flasche“. Ihre aktiven Inhaltsstoffe helfen Pflanzen, besser zu wachsen, extremen Wetterbedingungen wie Dürre oder Starkregen zu widerstehen und insgesamt gesünder zu bleiben.
An den Verarbeitungsstandorten der Syngenta Group in Brønnøysund und Kristiansund wird die Essenz dieser widerstandsfähigen Alge zu leistungsstarken Produkten für Landwirte veredelt. Nach der Übernahme von ALGEA im Jahr 2020 führt Syngenta die jahrzehntelange Tradition fort: Trocknen, Mahlen, Lösen und Extraktion der aktiven Inhaltsstoffe, die die Basis biologischer Produkte bilden.
Ottorino Biondi, Geschäftsführer von ALGEA, erklärt:
„Das Besondere an dieser Alge ist ihre Fähigkeit, sich anzupassen und zu überdauern. Die Wirkstoffe, die in ihr stecken, sind äußerst effektiv. Sie lassen sich mit anderen Pflanzenschutzmitteln kombinieren – und machen so nachhaltige Landwirtschaft möglich.“
Ottorino Biondi (rechts) ist Hauptgeschäftsführer von ALGEA
Biologicals – die Zukunft der Landwirtschaft
Spuren dieser uralten Ascophyllum nodosum finden sich heute auf Feldern und in Böden weltweit – in Form von biologischen Agrarprodukten, die zur Stärkung von Pflanzen und zur Pflege des Bodens eingesetzt werden.
Studien zeigen, dass der Einsatz dieser Produkte das Pflanzenwachstum fördert, Erträge steigert und zugleich die Stressresistenz gegenüber Umweltbelastungen verbessert.
Heute ist der Markt für biologische Pflanzenschutzmittel das am schnellsten wachsende Segment der Agrarindustrie. Angetrieben wird er durch das steigende Interesse der Landwirte, durch neue gesetzliche Rahmenbedingungen und wissenschaftliche Fortschritte. Laut Schätzungen von AgbioInvestor und Syngenta wächst der Markt jährlich um rund 10 % und könnte in den nächsten fünf Jahren ein Volumen von nahezu 20 Milliarden US-Dollar erreichen. „Biologicals sind ein zentrales Werkzeug, um konventionelle Pflanzenschutzlösungen zu ergänzen und zu verbessern – sie sind die Zukunft landwirtschaftlicher Betriebsmittel“, sagt Biondi.
„Wenn man sie ganzheitlich mit agronomischem Know-how und Wissenschaft kombiniert, bieten sie einen nachhaltigen Weg, um die Ernährung einer wachsenden Weltbevölkerung langfristig zu sichern.“
Doch für Biondi bedeutet die Reise dieser Alge – von den abgelegenen norwegischen Fjorden bis in die Hände von Landwirten auf der ganzen Welt – noch etwas anderes:
„Für mich steht diese Alge für Leidenschaft – für die Verbindung von Natur und Wissenschaft mit Sinn und Zweck. Wir verbinden uns mit der Natur draußen auf dem Meer, wenn wir sie ernten; mit der Wissenschaft, wenn wir sie verarbeiten; und mit unserem Ziel, wenn wir mit diesen Produkten Landwirte weltweit unterstützen.“
Heute finden sich Spuren dieses uralten Seegrases auf landwirtschaftlich-genutzten Feldern rund um die Welt