Zwischen einer Entdeckung im Labor und einer zugelassenen Lösung für die Landwirtschaft liegen heute viele Jahre – und unzählige regulatorische Hürden. Im Interview erklären Dominique Kreul (Crop Protection Regulatory Head DACH) und Maria Dolores Delgado Cartay (Leiterin Regulatory Portfolio-Team DACH), wie ihr Team unsere Produkte durch dieses anspruchsvolle System steuert, warum Europa inzwischen als härtester Zulassungsmarkt der Welt gilt und weshalb trotz voller Innovationspipeline immer weniger neue Wirkstoffe den Weg in die landwirtschaftliche Praxis finden.
Dominique, du bist seit einiger Zeit die Nachfolgerin von Günther Peters in der Leitung des Zulassungsbereichs bei Syngenta. Wie war für dich dieser Übergang – und was motiviert dich besonders an dieser Aufgabe?
„Ich bis jetzt seit knapp zwölf Jahren bei Syngenta, seit dem 01. Januar 2013. Und man muss sagen, Günter Peters hat diesen Bereich über ein Jahrzehnt lang toll geführt. Ich durfte seinerzeit Teil seines Teams sein, danach als Kollegin aus Basel, wo ich auf europäischer und globaler Ebene im Bereich Registrierung gearbeitet habe. Vor vier Jahren bin ich dann nach Frankfurt zurückgekommen und liebe einfach den gelebten Team-Spirit hier. Das motiviert mich zusammen mit meinen täglichen Herausforderungen. Denn Registrierung ist kein einfaches Business. Es bedeutet ja immer Hürden überwinden und sich Stück für Stück anzunähern. Resilienz ist da wohl die beste Beschreibung. Und genau das motiviert mich, gerade auch jetzt als Leiterin dieses Bereichs jeden Tag aufs Neue.“
Klingt sehr gut. Wie groß ist dein Team?
„Wir sind jetzt 15 Leute, verteilt auf drei Orte. Ein Großteil arbeitet hier aus Frankfurt und dann jeweils zwei Kollegen in Stein in der Schweiz und in Wien in Österreich. Damit decken wir die Produktzulassungen für DACH komplett ab. Die Wirkstoffe werden dann wiederum europäisch, also über Basel betreut. Mit den KollegInnen sind wir ebenfalls im kontinuierlichen Austausch.“
Maria, magst du uns kurz dich und euer Team vorstellen? Welche Kompetenzen und Aufgaben vereint ihr dort?
„Ich bin seit September als Nachfolgerin von Dominique in ihrer ehemaligen Rolle als Teamleiterin hier in Frankfurt tätig. Davor habe ich als Registrierungsmanagerin für 2,5 Jahre aus Spanien für Syngenta gearbeitet. Und ich kann mich dem Gesagten von Dominique nur anschließen – es macht einfach Spaß mit diesem Team zu arbeiten. Ganz ehrlich, gerade weil nicht jede Registrierung sofort erfolgreich ist, weil wir auch mit abgelehnten Wirkstoffen immer weiterarbeiten, ist es einfach eine so schöne Herausforderung, ein Portfolio zu verteidigen und sich für die Forschung hier bei Syngenta einzusetzen. In der Tat dauern manche Verfahren nicht nur Monate, sondern Jahre. Was wir als Team also brauchen ist Geduld, ohne aber an Agilität zu verlieren.“
Dominique Kreul ist bei Syngenta Crop Protection Regulatory Head in der DACH-Region
Das klingt in der Tat sehr spannend und gleichzeitig sehr herausfordernd. Es ist also eine lange Reise von der Idee bis zur Zulassung, Dominique?
„Um das zu beschreiben, nutze ich gerne die Analogie des Lebens: In der Tat betreuen wir alle Produkte von der Geburtsvorbereitung, über die Schwangerschaft und dann das gesamte Zulassungsleben bis hin zum Tod und teilweise darüber hinaus. In allen Lebensphasen eines Produktes gibt es Dinge, die wir begleiten müssen. Am Anfang haben wir sehr viel Kontakt mit den Behörden. Dann – also quasi nach der Geburt, zeichnen wir mitverantwortlich, dass das Produkt auch verkauft wird. Wir müssen nachjustieren, Erziehungsarbeit leisten. Und letztlich, wenn ein Produkt stirbt, weil etwa der Wirkstoff in der EU verboten wird, sind wir auch da und unterstützen Syngenta, dass der Sterbeprozess möglichst gut abläuft. Wir sind folglich während des gesamten Lebenszyklus eines Produktes dabei.“
Eine sehr schöne und verständliche Analogie. Dominique, wie würdest du eure Arbeit beschreiben – was macht dein Team im Alltag sichtbar oder besonders wichtig für Syngenta?
„Unsere Arbeit umfasst weit mehr als das Thema Zulassung. Wir haben zum Beispiel auch die kleine Untergruppe des RSV-Teams in meiner Abteilung hier, die sich die Produkteigenschaften anschaut und Fragestellungen nachgeht wie etwa wie ist das Verhalten des Produktes in der Umwelt? Wie verhält sich das Produkt in der belebten und wie in der unbelebten Natur? Wie steht es um die Sicherheit bzw. die Sicherheitseinstufungen? Welche Gefahren können von einem Wirkstoff ausgehen? Wir decken hier wirklich ein sehr breites Spektrum ab. Eigentlich haben wir in unserem Team unterschiedliche Fachexperten für diverse Produkte und Wirkstoffe.“
Kann man denn einen typischen Arbeitsalltag von euch beschreiben?
„Eigentlich ist jeder Tag anders. Aber natürlich wiederholen sich gewisse Themen. Unser Arbeitsalltag ist immer von bestimmten Produkten begleitet und man lernt, welche Stärken und Schwächen ein Produkt hat. Auch die Prozesse wiederholen sich - sei es jetzt der Zulassungsprozess oder auch der Austausch mit den Behörden. Es gibt gewisse Routinen, die wir verfolgen, die unseren Arbeitsalltag erleichtern. Und natürlich arbeiten wir sehr interdisziplinär. So etwa mit den Kollegen aus dem Marketing, aus der Produktsicherheit, dem Vertrieb oder mit den Juristen im Haus.“
Maria, welche Projekte oder Zulassungsverfahren haben euch in letzter Zeit besonders beschäftigt oder gefordert? Und warum?
„In Deutschland haben wir in der Tat eine sehr anspruchsvolle Zulassungsbehörde, die mit drei anderen Bundesbehörden zusammenarbeitet und es gibt auch viele Rückfragen, die auf unserem Schreibtisch landen. Das ist bei Zulassungen und auch bei Wiederzulassungen der Fall. Ein Insektizid für die Nutzung im Wald, das gegen den Borkenkäfer schützt - das Karate Forst -, beschäftigt unser Unternehmen schon seit 2017. Da hatte das Team jüngst wieder Gespräche mit den Behörden und auch den Forstverbänden. Herausfordernd ist dabei immer auch, dass wir mit dem Umweltbundesamt in den Dialog müssen. Das Amt hat per Gesetz ein Vetorecht bei Zulassungen, das ist leider auch bei der Zulassung von Karate Forst der Fall.
Dominique, auch die regulatorischen Anforderungen in der EU insgesamt gelten als sehr hoch. Was sind aktuell die größten Herausforderungen für Pflanzenschutzmittel-Zulassungen aus deiner Sicht? Was würdest du gerne ändern?
„Die generelle Herausforderung in Europa ist, dass wir ein sehr komplexes Regelwerk haben – 1107 nennt sich dieses Konstrukt, nach dem wir alle Produkte und Wirkstoffe zulassen müssen. In der Tat ist 1107 das schwierigste regulatorische System weltweit. Eine Studie belegt diese Komplexität mit dem Verhältnis 6:1 – es gibt sechs Wirkstoffe, die weltweit eingeführt werden und nur einer davon schafft es nach Europa. Das ist leider die bittere Wahrheit und viele Innovationen schaffen es nicht nach Europa. Denn das europäische System ist auf Gefahr ausgelegt und sobald von einem Wirkstoff Gefahr ausgeht, wird er nur aufgrund dieser Eigenschaften in Europa verboten. Die Risikogeschichte wird dabei oftmals viel zu wenig betrachtet. Denn, wie heißt es so schön – die Dosis macht das Gift – und das wird in Europa zu wenig betrachtet. Wir sollten endlich weg von der Risikodiskussion, hin zu der Nutzendiskussion kommen!“
Maria, wie beeinflusst die europäische Gesetzgebung eure tägliche Arbeit – und wo siehst du Chancen für Verbesserungen?
„In Europa wird eine zonale Registrierung gemacht, also Europa wird aufgeteilt in drei Zonen (Nord, Zentrale und Süd Zonen), mit dem Ziel, den Verwaltungsaufwand zu reduzieren und eine harmonisierte Bewertung zu haben. Wir stellen jedoch fest, dass die Mitgliedstaaten immer häufiger von der zonalen Bewertung abweichen. Im Ergebnis dauern die Zulassungsprozesse noch länger und werden unberechenbar. Auch die Datenanforderungen werden immer mehr und komplexer. Ich würde hier ganz klar von Überregulierung sprechen. Gleichzeitig werden Innovationen behindert, Innovationen etwa durch den Einsatz der CRISPR/Cas-Methode. Das vertreibt forschende Unternehmen dann letztlich aus Europa in Regionen, in denen Gentechnologie erlaubt ist. Nur kann das unser Wunsch für den Zukunftsstandort sein? Verbote nein, Regulierung ja, das wäre mein Wunsch.“
Maria Dolores Delgado Cartay leitet in der DACH-Region das Regulatory Portfolio-Team von Syngenta
Dominique Kreul und Maria Dolores Delgado Cartay
Maria, noch eine Frage an Dich, viele sprechen heute von einem „Innovationsstau“ im Pflanzenschutz. Wie siehst du das?
„Generell ist die Innovations-Pipeline von Syngenta voll, das ist die gute Nachricht. Nur auf der Zulassungsseite gibt es eben in Europa die skizzierten Probleme. Der letzte chemische Wirkstoff, der in Europa zugelassen wurde, stammt aus dem Jahr 2019. Bei Biologicals sieht das anders aus, die sind schneller in der Zulassung, aber können alleine eben nicht all unsere Probleme lösen. Bei Syngenta ist es bis heute so, dass wir 90 Prozent unserer Zeit in das bestehende Portfolio und den konventionellen Bereich investieren, 10 Prozent decken Biologicals und teilweise auch Biostimulanzien ab. Das wurde in den letzten Jahren immer mehr und wird zukünftig sicherlich einen erheblichen Teil unserer Forschungs- und regulatorischen Arbeit im Bereich Pflanzenschutz ausmachen.“
Dominique, Syngenta ist auch in verschiedenen Fachgremien und Verbänden aktiv – etwa im IVA. Welche Bedeutung hat diese Zusammenarbeit für eure Arbeit im Bereich Zulassung?
„Die Zusammenarbeit mit den Verbänden ist sehr wertvoll, auch, weil man gemeinsam mit den Wettbewerbern schaut, wie etwa die Gesamtsituation bei den Zulassungen ist. Wo sind Fragestellungen und Probleme, die uns alle gleichermaßen betreffen? Wie können wir gemeinsam mit einer Stimme in Richtung Behörde sprechen und dann auch gemeinsam in den Dialog gehen? Das ist für uns als gesamter Industriezweig sehr wertvoll. Wir haben zum Beispiel, ausgehend von einer Konzeptidee von Marc Muszinski aus meinem Team, die Engpass-Analyse als Gemeinschaftsprojekt entwickelt und programmieren lassen. Dieses Online-Tool kann jederzeit über die Webseite von PS-Info abgerufen werden und zeigt mit nur wenigen Klicks für jedes zugelassene Anwendungsgebiet in Deutschland auf, welche Produkte und Wirkstoffe für eine Anwendung zur Verfügung stehen und wo es mögliche Engpässe bei der Verfügbarkeit von Pflanzenschutzmitteln gibt. Dieses Tool hilft ungemein bei der Aufklärung des Mythos der uneingeschränkten Verfügbarkeit von Pflanzenschutzmitteln. Mit solchen Projekten und vielen anderen Aktivitäten sorgt der Verband dafür, dass wir alle in einem Boot sitzen, und nennt bestehende Probleme für uns alle als Sprachrohr beim Namen.“
Dominique, wo siehst du Syngenta und euer Team in den nächsten fünf Jahren – welche Entwicklungen stehen für euch im Fokus?
„Wir sind als Team sehr gut aufgestellt, müssen uns aber gleichzeitig fit für die Zukunft machen, indem wir unser Wissen auch für die Zukunft abbilden. Hier denke ich an Digitalisierung, KI, aber eben auch an ständiges Lernen und Weitergeben. Wir müssen technologischen Fortschritt und unser breites fachliches Wissen zu Produkten und Wirkstoffen in Einklang bringen. Und hoffentlich können wir Teile unserer Arbeit wie Dokumentation oder Datenbankpflege dann zukünftig über KI-Tools wirklich abbilden. Das ist die Arbeitsebene – regional wünsch ich mir eine Harmonisierung der EU - insbesondere der deutschen Behörden – sich an zonale Vorgaben zu halten. Das würde uns wirklich einen großen Schritt nach vorne bringen.“
Maria, wenn du einen Wunsch an Politik oder Behörden richten könntest: Was sollte sich im europäischen Zulassungsprozess ändern, um Innovation und Nachhaltigkeit besser zu verbinden?
„Wir brauchen definitiv verbesserte Zulassungsprozesse. Das Veto-Recht vom Bundesumweltamt in Deutschland, was einmalig ist in Europa, ist schwierig. Mit dieser Beschränkung haben wir wirklich einen Wettbewerbsnachteil gegenüber der Industrie aus anderen Ländern. Und wenn wir schon beim Wunschkonzert sind – auch das Regelwerk 1107 könnte man auf europäischer Ebene vereinfachen und verbessern.“
Danke euch. Zum Schluss eine Frage an euch beide: Was wünscht Ihr Euch persönlich für die nächsten „25 Jahre Syngenta“? Und was wünscht Ihr dem Unternehmen?
„Was Syngenta auf alle Fälle bewahren sollte, ist das respektvolle Verhalten gegenüber seinen Mitarbeitenden und das gegenseitige Vertrauen sowie der tägliche Umgang miteinander. Unsere Kultur, unser Rückgrat, das müssen wir erhalten – auch in manchmal schwierigen Zeiten. Denn was wir sind, wollen wir auch bleiben – ein weltweit führendes Unternehmen im Agribusiness. Und den Sustainability-Gedanken sollten wir bewahren, wir wollen nicht einfach irgendwas verkaufen, sondern unseren Beitrag zur Ernährungssicherheit leisten. Das bestimmt unser Handeln.“
Illustration zum Thema "Zulassung von Pflanzenschutzmitteln" von Charlotta Meyer (Cyrano)