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Wetterextreme im Weinbau – Antworten für Winzer

Aktuelles Spezialkulturen
21.03.2018

Der Klimawandel ist in aller Munde. Eines seiner Kennzeichen sind extreme Witterungsperioden oder ungewöhnlich heftige Einzelereignisse. Wer erinnert sich nicht an die lange Trockenphase 2015, die nicht enden wollende Niederschläge 2016 oder die extremen Spätfröste und heftigen Hagelschauer im vergangenen Jahr.

Für die Winzer stellt sich jedes Mal die Frage, welche Maßnahmen sie bei der Kulturführung, beim Pflanzenschutz etc. ergreifen sollen, um negative Auswirkungen auf Ertrag und Qualität möglichst gering zu halten.

In zwei Ausgaben möchten wir Praktikern Informationen und Empfehlungen an die Hand geben, zu extremen Witterungsereignissen, ihren Folgen und möglichen Maßnahmen in den Rebanlagen. 

Teil 1: Hagel, Frost

Teil 2: Hitze-, Regenperioden

 

 

Hagel

Hagel ist ein Niederschlag in Form von Eiskugeln oder Eisklumpen mit einem Durchmesser von 5 bis 50 mm (in Extremfällen über 10 cm). Hochreichende Gewitterwolken erreichen das Hagelstadium, wenn sich unterkühltes Wasser und Eiskristalle beim Zusammenstoß vergraupeln und sogenannte Hagelembryos bilden. Bei einem Überangebot von Wassertröpfchen wachsen die Hagelembryos durch mehrfache Auf- und Abbewegungen in der Wolke zu größeren Hagelkörnern. Nach Erreichen einer bestimmten Größe fallen die Hagelkörner dann aus der Wolke zum Erdboden (leicht verändert nach www.dwd.de/lexikon). 

 

So kann Hagel die Reben schädigen

Hagel kann alle Pflanzenteile der Reben schädigen, in Abhängigkeit von der Stärke des Hagelereignisses und des Entwicklungsstadiums zu diesem Zeitpunkt:

SchädigungKonsequenzen
Zerstörung der Blattmasse
 
Wachstumsstillstand (10 - 14 Tage)
Ertragsverluste durch Verluste an Assimilationsfläche
Schädigung der TraubenErtragsverluste durch Abschlagen / Verletzen der Trauben
Verletzung des HolzesSchäden v.a. am einjährigen Holz
Erhöhter Aufwand beim Rebschnitt
Gefahr von Bruchschäden beim Biegen

 

Findet der Niederschlag in einem relativ frühen Stadium (vor der Blüte) statt, trifft der Hagel auf primär junges, empfindliches Blattgewebe. Starke Hagelschauer können dann bis hin zu einer völligen Entblätterung der Reben führen. Zerstörte Gescheine werden teilweise durch den Austrieb aus den Beiaugen kompensiert. Diese Trauben tragen weniger, aber größere Beeren.

 

 

 

Erhöhte Anfälligkeit gegen manche Krankheiten nach Hagelschlägen

Hagel schafft mechanische Verletzungen des Pflanzengewebes. Für einige Pilzkrankheiten stellen sie relevante, zusätzliche Eintrittspforten in die Rebpflanzen dar. Eine Besonderheit stellt in diesem Zusammenhang die sogenannte „Hagelkrankheit“ dar. Der Pilz Coniella petrakii wird durch die kinetische Energie der Hagelkörner vom Boden hochgeschleudert und kann über die durch Hagel entstandenen Verletzungen in die Pflanzen eindringen.

Wesentlich häufiger sind nachfolgende Krankheiten im Zusammenhang mit Hagelereignissen.

KrankheitKonsequenzen
Peronospora
Anfälligkeit ist tendenziell erhöht.
Nach Studien des Weinbauinstituts Freiburg schaffen mechanische Verletzungen zusätzliche Eintrittspforten für den Erreger (nicht nur über Stomata).
OidiumKein direkter Einfluss
BotrytisAnfälligkeit kann deutlich erhöht sei. Blatt-/Traubenfragmente (angeschlagene Trauben) bilden einen guten Nährboden für den Botrytis-Pilz.
Sekundärfäulen (Penicillium, Trichothecium, Alternaria, Rhizopus sp.)
Einfluss auf die Weinqualität.
Angeschlagene Trauben werden leichter befallen.
Gefahr der Mycotoxinbildung (Ochratoxin A, Patulin, Trichothecin).
Breiige Konsistenz der Trauben mit muffigem Geruch.
Faules Lesegut stört die Weinbereitung und beeinträchtigt durch vielfältige Fehltöne Geruch, Geschmack und Harmonie der Weine.
EssigfäulenVor allem die heimische Essigfliege (aber auch die Kirschessigfliege und Wespen/Bienen) können Bakterien (Acetobacter sp, Gluconobacter sp.) und Hefen (Hanseniaspora, Schizosaccharomyces, Torulopsis) übertragen. Diese bilden Alkohol, der zu Essig metabolisiert wird. 

 

Unsere „Hagelempfehlung“: Handlungsoptionen nach Hagelereignissen 

Betroffene Anlagen sollten ständig beobachtet werden. Schadsymptome erscheinen manchmal erst später. Folgende Handlungsoptionen stellen sich dem Winzer:

Kulturmaßnahmen:

Falls Anlagen noch nicht entblättert sind (und nicht zu stark geschädigt)

  • Zeitnah Entblättern, um das Abtrocknen der Pflanzen zu verbessern (Infektionsgefahr durch Peronospora und Botrytis vermindern!)
  • Bei späten Hagelschlägen kann eine zeitnahe Lese sinnvoll sein (Schlagkraft ist jetzt entscheidend!)

 

Pflanzenschutzmaßnahmen:

 

Hagelschlag vor dem Traubenschluss:

  • Spritzabstand verkürzen (je nach Witterungsprognose und vorherigem Laubzuwachs)
  • Einsatz tiefenwirksamer Peronospora – Fungizide statt Kontaktmittel
  • Wahl von Peronospora – Fungiziden mit Zusatzwirkung gegen Botrytis (z.B. Ampexio)

 

Hagelschlag ab dem Traubenschluss:

  • Einsatz von Spezialbotrytiziden in allen Sorten (z.B. Switch) (Nebenwirkungen sind nicht ausreichend sicher)

 

Frost

Infolge der steigenden Durchschnittstemperaturen wird der Vegetationsbeginn tendenziell früher einsetzen. Dadurch steigt die Gefahr von Schäden durch Spätfröste, weil die Reben schon weiter entwickelt sind. 

So kann Frost die Reben schädigen

Im Gegensatz zu den genannten Hagelereignissen, die in der gesamten Vegetationsperiode auftreten können, sind Spätfröste nur im Zeitraum der frühen Entwicklung der Reben, schwerpunktmäßig in der Austriebsphase zu erwarten. Fröste treffen hier auf junges und damit empfindliches Blattmaterial, was die Schadwirkung noch erhöht. Laut dem Deutschen Wetterdienst (DWD) muss bei Temperaturen ab ca. -1,5°C mit Schäden an Reben gerechnet werden. Sortenunterschiede sind beschrieben. Der sortenspezifische Austriebszeitpunkt hat Einfluss auf den Grad der potentiellen Spätfrostschäden. Je früher der Austrieb, desto höher die Spätfrostgefährdung. Kombiniert wird dies oft mit der Spätfrostgefährdung durch die Weinbergslage.

 

SchädigungKonsequenzen
Erfrieren und nachfolgendes Abfallen von Blättern und KnospenWachstumsstillstand (10 - 14 Tage)
Knospen fallen ab; Austrieb von Beiaugen
Abgestorbene und nicht abgestorbene Blätter/Knospen gleichzeitig in der AnlageUnregelmäßiges Wachstum
Zum gleichen Zeitpunkt unterschiedliche Entwicklungsstadien und unterschiedliche Anfälligkeiten
Verringerte FruchtbarkeitWeniger Trauben
Gefahr von Mindererträgen

 

 

Unsere „Frostempfehlung“: Handlungsoptionen nach Frostereignissen 

Fröste beeinträchtigen natürlich auch den Aufbau der Pilzkrankheiten – soweit sie zu diesem frühen Zeitpunkten schon infiziert hatten. Allerdings gibt es für das Vorgehen beim Pflanzenschutz indirekte Effekte: Die entscheidende Herausforderung ist der richtige „Umgang“ mit den gleichzeitig auftretenden, verschiedenen Entwicklungsstadien. Dies bedeutet:

 

Eine Anlage ist über einen längeren Zeitraum in einer empfindlichen Phase (z.B. größeres Mehltaufenster):

  • Ausrichtung der Mittelwahl am anfälligsten Stadium                                                                
  • Frühzeitige Umstellung von anorganischen auf organische Oidium-Mittel (z.B. Dynali)

 

In einer Anlage sind Reben in unterschiedlichen Entwicklungsstadien:

  • Ausrichtung der Aufwandmenge am weitest entwickelten Stadium (höheren Multiplikationsfaktor der Basisaufwandmenge wählen)

 

In Kürze wird an dieser Stelle der zweite Teil zum Thema „Wetterextreme im Weinbau“ erscheinen, in dem wir Informationen und Empfehlungen für Handlungsoptionen in längeren Hitze- bzw. Regenperioden im Weinbau geben werden.

Weitere Informationen zu Wetterthemen finden Sie unter:

 

Weiterhin möchten wir Sie gerne auf folgendes Projekt aufmerksam machen:

Das Julius-Kühn-Institut (JKI) arbeitet mit verschiedenen Kooperationspartnern an einem Extremwettermonitoring und Risikoabschätzungssystem (EMRA). Ziel ist, der Landwirtschaft Entscheidungshilfen bereitzustellen. Das JKI bittet in diesem Zusammenhang Winzer, einen kurzen Fragebogen auszufüllen.