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Sind die Wetterprognosen wirklich so schlecht?

Aktuelles Spezialkulturen
24.03.2020
Deutscher Wetterdienst

Im Kreise von Winzern kann man öfter hören, dass sie mit den, für ihre Arbeit so wichtigen, Wetterprognosen nicht zufrieden sind. Wir sprechen mit der Meteorologin Bianca Plückhahn über Möglichkeiten und Grenzen von Wettervorhersagen.

Meteorologin Bianca PlückhahnBianca Plückhahn studierte Meteorologie und ist seit 1992 beim Deutschen Wetterdienst (DWD) beschäftigt. Nach einigen Jahren in der Flugwetterberatung, ist Frau Plückhahn 2005 in die Agrarmeteorologie eingestiegen. Zu Beginn in der damaligen Außenstelle in Geisenheim, heute in Offenbach. Sie arbeitet unter anderem mit Wettermodellen, die speziell für die Landwirtschaft entwickelt wurden, so zum Beispiel Modelle zur Berechnung von Bodenfeuchte und Bodentemperaturen, zur Ausbringung von Pflanzenschutzmitteln oder auch zu bestimmten Pflanzenkrankheiten.

 

Frau Plückhahn, spielt unser Wetter verrückt?

Man hat schon den Eindruck, dass das Wetter irgendwie verrücktspielt. Gerade die Häufung von Spätfrösten, Starkregen, Gewitterstürmen und Hitzewellen war extrem in den letzten Jahren. Nicht alle Wetterereignisse kann man dem Klimawandel zuschreiben, letztendlich ist er allerdings bereits da und macht für uns Meteorologen die Wettervorhersage auch komplizierter.

Welche Hilfsmittel und Techniken stehen Ihnen zur Verfügung, um Ihre Prognosen zu rechnen?

Weltweit liefern ca. 11.000 Wetterstationen zu Land Messdaten. Darüber hinaus bekommen wir Messwerte von Satelliten, von Flugzeugen und von Wetterballons. Diese werden weltweit zu bestimmten Terminen in die Atmosphäre geschickt, um in der Troposphäre – der unteren Schicht der Atmosphäre, in der sich unser Wetter abspielt – Wetterdaten zu erfassen. Von den riesigen Wasserflächen erhalten wir von Schiffen und von Bojen Wettermeldungen. Diese zahllosen Daten – die Basis moderner Wettervorhersagen – werden international ausgetauscht. Dies regelt die Weltwetterorganisation WMO, die Dachorganisation der nationalen Wetterdienste. In Deutschland fließen die Daten in den Großrechnern des DWD in Offenbach zusammen. Auf dieser Basis werden dann die Wettermodelle gerechnet. Jetzt beginnt die Arbeit der Meteorologen. Sie müssen nun bewerten, welches Modell für die aktuelle Wetterlage am besten passt.

Es gibt verschiedene Wettermodelle?

Fast jeder große Wetterdienst hat sein eigenes Modell, zum Teil auch mehrere Modelle. Jedes Modell ist anders. Es gibt Wetterlagen, bei denen mal das eine, mal das andere eine bessere Aussage liefert. Und jeder Winzer hat seine Wetter-App auf dem Handy, die oft unterschiedliche Vorhersagen liefern. Viele vorinstallierte Apps wurden in den USA programmiert, auf der Basis amerikanischer Verhältnisse. Die passen aber leider bei uns oft nicht. Ich empfehle daher immer auf Wetter-Apps zu gehen, die von deutschen Anbietern kommen. Sie nutzen als Datenbasis europäische Wettermodelle und passen deshalb für unsere Verhältnisse besser. Ziemlich gut sind – na klar – die Wettermodelle vom Deutschen Wetterdienst bzw. unsere WarnWetter-App. Generell macht es Sinn, sich Prognosen verschiedener Anbieter anzusehen und zu vergleichen.

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Über welchen Zeitraum kann man heute eine „seriöse“ Wettervorhersage treffen?

Die grobe Entwicklung kann man etwa eine Woche im Voraus gut abschätzen. Details, zum Beispiel wann das Niederschlagsgebiet kommt, sind noch etwas unsicher. Im Allgemeinen ist die Trefferquote bei den Temperaturen höher als bei den Niederschlägen. Zugegeben, manchmal gibt es Wetterkonstellationen, da sagt man nach dem zweiten Tag: „Vergiss es“. Da muss man sich in kurzen Abständen „herantasten“. Aber unsere Vorhersagen werden sich in den nächsten Jahren weiter verbessern. Gleiches gilt für Langzeitprognosen, die heute noch nicht ausgereift sind.

Wie genau kann man Gewitter vorhersagen?

Gewitter sind sehr speziell. Gerade die Hitzegewitter im Sommer entwickeln sich ja häufig vor Ort. Die Wahrscheinlichkeit einer Gewittergefahr kann man gut vorhersagen. Aber wo jetzt genau das Gewitter auftreten wird ist kaum absehbar. Deswegen hören oder lesen Sie oft: „Es treten lokale Hitzegewitter auf“, aber in der eigenen Region bleibt es trocken – wie auch zum Beispiel im Rheingau recht häufig. Es gibt zwar typische Zugstraßen für Gewitter. Das sind aber sehr lokale Effekte, die man im Großen gar nicht vorhersagen kann.

Die letzten beiden Jahre waren von langen, heißen Perioden gekennzeichnet? Was bedeutet 1°C mehr für die Weinreben?

1 °C mehr heißt für die Pflanzen, aber auch für den Boden, dass diese viel mehr Wasser verdunsten. Auch wenn wir in der Zukunft keine Veränderung der Niederschlagsereignisse hätten, würde diese Erwärmung dazu beitragen, dass die Böden trotzdem stärker austrocknen können. Die Pflanzen benötigen mehr Wasser und der Boden verdunstet mehr. Gott sei Dank hatten wir dieses Jahr einen niederschlagsreichen Winter. Damit sollten die Reservoirs zu einem guten Teil wieder aufgefüllt sein.

Wie kann sich der Winzer darauf einstellen?

Grundsätzlich haben Reben den Vorteil, dass sie tief wurzeln. Die kommen somit an Wasservorräte, die anderen Pflanzen gar nicht mehr zur Verfügung stehen. Bei Jungfeldern bzw. Neuanpflanzungen sieht das natürlich etwas anders aus. Da muss man in Zukunft davon ausgehen, dass diese häufiger bewässert werden müssen. Derartige Witterungskonstellationen lassen auch eine weitere Zuwanderung von Schädlingen und eine höhere Sonnenbrandgefahr erwarten. Der Winzer könnte darauf mit anderen Sorten reagieren oder auch seine Kulturmaßnahmen anpassen, zum Beispiel etwas vorsichtiger entblättern.

Was erwartet die Meteorologin für die kommenden Jahre?

Wir sehen eine Zunahme an heißen Perioden. Das heißt aber nicht, dass es nicht auch mal wieder komplett verregnete Phasen geben kann. Der unbeständige Sommer 2017 ist so lange nicht her. Oder auch mal wieder ein „normales“ Jahr. Die Spanne bei den Wetterereignissen bleibt ziemlich groß oder wird eher noch größer.

Und ich erwarte auch, dass wir „Wetterfrösche“ Stück für Stück den Landwirten und Winzern noch bessere Vorhersagen an die Hand geben können, um zum Beispiel die Planungen der Pflanzenschutzmaßnahmen zu erleichtern.

Vielen Dank Frau Plückhahn für das Interview

Weiterführende Informationen des Deutschen Wetterdienstes (DWD):

Agrarmeteorologische Modelle
DWD in Land- und Forstwirtschaft
Broschüre Agrarmeteorologie 

Bild Quellen: Deutscher Wetterdienst, Syngenta