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Deutscher Weinbau mit gutem Material für Trockentoleranzen

Aktuelles Spezialkulturen
01.04.2020
Weinbau

Wie kann man sich im Weinbau auf sich verändernde Klimabedingungen einstellen? Nach den trocken-heissen Jahren 2018 und 2019 fragt die Praxis vermehrt nach trockentoleranten Unterlagen. Im Gespräch mit Professor Schmid erfahren wir, was die Rebenzüchtung beitragen kann, den Herausforderungen zu begegnen.

Professor Dr. SchmidProfessor Dr. Joachim Schmid ist geschäftsführender Leiter des Instituts für Rebenzüchtung an der Hochschule Geisenheim. Nach Stationen in den USA, Portugal und am Bundesforschungsinstitut für Kulturpflanzen in Siebeldingen forscht und lehrt Professor Schmid seit 1990 in Geisenheim.

 

 

 

Herr Professor Schmid, seit wann wird in Geisenheim am Thema trockentolerante Unterlagen geforscht?

1880 wurden die ersten Versuche mit Pfropfreben durchgeführt. 1992 startete die Kreuzungszüchtung bei den Unterlagen erneut mit dem Zuchtziel Reblausresistenz mit Kalk- und Trockentoleranz zu kombinieren. Ich selbst habe in meiner Dissertation in den 90-er Jahren Untersuchungen zu Wasseraufnahme und -verbrauch von Reben auf unterschiedlichen Unterlagen durchgeführt. Um die Zukunft der Unterlagen auf eine breitere genetische Basis zu stellen, wurden 2005 in Texas Samen von Vitis berlandieri gesammelt. Damit konnte die größte Kollektion dieser trockentoleranten und chlorosefesten Wildart weltweit zur züchterischen Nutzung erstellt werden.    

Trockentoleranz testen wir hier auf Extremstandorten, zum Beispiel in Schiefersteillagen. Ein Versuch dauert in der Regel 15 Jahre. Die Auswertungen starten ab dem vierten Standjahr und es folgen möglichst zehn weitere Auswertungsjahre. Mit einem gewissen Stolz können wir bislang auf eine lange Reihe von Ergebnissen von sehr unterschiedlichen Standorten mit verschiedenen Ertragssorten blicken. Von der Praxis bekommen wir das Feedback, dass die Empfehlungen zu Unterlagen aus unserem Haus, immer recht gut gepasst haben.

Welche Unterlagen haben sich bis dato als trockentolerant in den Versuchen gezeigt?

Im deutschen Weinbau stehen uns eine ganze Reihe trockentoleranter Unterlagen zur Verfügung. So sind die bekannten Unterlagen wie zum Beispiel die Börner oder 5BB als starkwüchsige Unterlagen natürlich trockentoleranter, da sie durch ihr Wurzelwerk tiefere Bodenhorizonte erreichen. Gerade in Baden-Württemberg weiß man ja, dass Trollinger mit 5BB auch in steileren Lagen noch gut wächst. Das ist auch ein Zeichen, dass sie mit Wasserknappheit zurechtkommt, obwohl diese Unterlage in vielen Veröffentlichungen als nicht trockentolerant dargestellt wird. Das ist aber der Unterschied zwischen Topf- und Freilandversuch.

Im deutschen Weinbau sind Unterlagen aus der Vitis berlandieri x Vitis rupestris – Gruppe, wie z.B. Richter 110 oder 1103 Paulsen noch relativ unbekannt. Sie stammen aus Südfrankreich und Sizilien. Die Züchter dort haben unter trockenen Gegebenheiten ausgelesen. Da war das Zuchtziel Trockentoleranz vorgegeben – das zeigt sich jetzt auch.

 Wie verhalten sich trockentolerante Unterlagen in nassen Jahren?

Es gibt Unterlagen, bei denen sind wechselfeuchte Jahre schon enorm kritisch. Börner zum Beispiel verträgt nicht nur keinen Kalk, sondern auch keine Staunässe. Kober 125AA verträgt es deutlich besser. 5C verträgt auch keine nassen Füße. SO4 geht hier recht gut. Teleki 8B zeigt unter solchen Bedingungen sehr zufriedenstellende Ergebnisse. Diese verträgt sowohl Trockenheit wie auch längere Feuchtperioden. Die Jungfelder sehen zwar in den ersten 3 bis 4 Jahren im Wuchs immer relativ schwach aus. Aber wenn es dann oben ist, bleibt es auch grün.

Apropos Jungfeld. Wie sieht es hinsichtlich Ertragssteuerung in Jungfeldern aus?

Die Erwartung, schon im zweiten Standjahr einen Vollertrag zu erzielen, sollte man endlich streichen. Das verträgt eine Rebe nicht. Man muss dann damit rechnen, dass eine so geführte Anlage nie optimale Qualitäten bringt und früher gerodet werden muss. Die Rebe braucht unter den extremen Klimabedingungen einen „langsamen“ Anlauf.

Welche Rebsorte bzw. welche Unterlage würden sie dem Winzer heute empfehlen?

Am Anfang steht immer die Überlegung, welches Edelreis soll es sein. Im Rheingau ist das oft einfacher: Riesling oder Spätburgunder. Aber auch die beiden Sorten haben sehr unterschiedliche Ansprüche an den Wasserhaushalt. Dann kommt es auf den Boden an. Der Rheingau hat mit Sicherheit 20 bis 25 unterschiedliche Großbodenarten. Dem Boden entsprechend muss ich meine Unterlage wählen. In Hessen haben wir den Vorteil, dass wir mit dem Hessisches Landesamt für Naturschutz, Umwelt und Geologie den sog. Standort Viewer entwickelt konnten. D.h. man kann im Internet auf den Standort zugreifen und erfährt dann sofort welche Bodenart vorhanden ist und welche Unterlage hier empfohlen wird. Das wäre natürlich auch Deutschlandweit denkbar. Dazu fehlen aber vergleichbare Bodenkarten aus den entsprechenden Weinbaugebieten.

Können trockentolerante Unterlagen den Sonnenbrand verringern oder die jetzt neuerdings diskutierten Schäden durch die "Heatwave" abmildern?

Die Beobachtungen aus 2018 und 2019 zeigten, dass Sonnenbrandschäden bei den trockentoleranten Unterlagen nur unwesentlich geringer waren. Bei Temperaturen von über 40 °C, und die Beerentemperaturen waren noch wesentlich höher, ist keine transpiratorische Kühlung mehr vorhanden. Das hat die Sonnenbrandschäden verursacht. Verstärkt wird dies noch, wenn vorher schon die Laubwand stärker reduziert und damit die Trauben freigestellt wurde. Dann fehlt zusätzlich noch die transpiratorische Kühlung des Blattes in der Umgebung.

Neben der Nutzung trockentoleranter Unterlagen können die Winzer trockenen und heißen Perioden im Sommer auch mit einer Reihe weinbaulicher Instrumente begegnen. Welche Maßnahmen würden sie empfehlen?

Die Dichtpflanzung ist mit Sicherheit sinnvoll. Damit gehen die Wurzeln der Reben automatisch ein bisschen tiefer. Ich erschließe also andere Bodentiefen und Bewurzelungshorizonte bei geringerer Einzelstockbelastung. Geringere Laubwandhöhe reduziert auch den Wasserverbrauch. Man läuft aber Gefahr, dass damit Einfluss auf die Qualität genommen wird. Die Blätter sind ja nicht nur zum Verdunsten da, sie liefern ja auch den notwendigen Zucker und die Energie für die Aromabildung. Also ein Instrument, mit dem man bedacht umgehen sollte. Des Weiteren kann man kurzfristig über das Kurzhalten, Walzen oder Stören der Begrünung oder eine flache Bodenbearbeitung Wasserhaushalt schonende Effekte erzielen.

Vielen Dank für das Interview und weiterhin einen langen Atem und viel Erfolg bei der Rebenzüchtung

Nützliche Links:

Weinbaustandort Hessen
Weinbaustandortdaten
Institut für Rebenzüchtung Hochschule Geisenheim

Rebenveredlung 2020