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Aktuelle und zukünftige Herausforderungen beim Pflanzenschutz in Erdbeeren, Teil 1

Aktuelles Spezialkulturen
01.03.2018
Erdbeerexperten Arno Fried, Ulrich Henser und Felix Koschnick
Erdbeerexperten Arno Fried, Ulrich Henser und Felix Koschnick (v.l.n.r.)

Am Rande der Europäischen Spargel- und Erdbeerbörse (Expose) haben wir uns für ein Gespräch mit Arno Fried, Landratsamt Karlsruhe (Landwirtschaftsamt Bruchsal) und Felix Koschnick, ESTEBURG Obstbauzentrum, Versuchsstation Beerenobst Langförden (Landwirtschaftskammer Niedersachsen) getroffen. Beide diskutierten mit Ulrich Henser, Technischer Manager Spezialkulturen Syngenta, aktuelle Themen im Erdbeeranbau in Nord- und Süddeutschland.

 

Herr Fried, Herr Koschnick, wo sehen Sie in der Pflanzenschutzberatung Ihre Schwerpunktaufgaben?

A. Fried: Wir stehen in engem Kontakt mit der Praxis, arbeiten in Arbeitskreisen mit der Vermarktung, mit den Kollegen der Pflanzenschutz- und Anbauberatung aus den verschiedenen Beratungsorganisationen und mit der chemischen Industrie zusammen. Durch diesen Austausch planen wir unsere Versuche und beraten die Obstanbauer im süddeutschen Raum hinsichtlich aller aus unserer Sicht notwendigen Kulturmaßnahmen, vornehmlich Pflanzenschutz.

F. Koschnick: Wir arbeiten in Norddeutschland in gleicher Art und Weise. Der Dialog mit den einzelnen Interessenvertretern ist immens wichtig. Ich spreche sicher auch für Arno Fried, wenn ich noch hinzufüge, dass wir im Versuchswesen und in der Beratung in Nord- und Süddeutschland immer auch Entwicklungen aufgreifen, die sich aus den aktuellen gesellschaftlichen und politischen Diskussionen zum Thema Pflanzenschutz ergeben, um sie in unsere Arbeit zu integrieren.

Wie steht Syngenta mit der Praxis in Verbindung?

U. Henser: Wir beraten die Erdbeeranbauer zu den Themen Pflanzenschutz und Applikationstechnik durch unsere Verkaufs- und Fachberater bzw. telefonisch durch unser Beratungscenter. Als forschendes Unternehmen fließen die Erkenntnisse aus diesem Kundendialog in unsere Entwicklungsarbeit ein. Zudem tauschen wir als weltweit aktives Unternehmen Informationen zwischen den Ländern aus, um unseren Kunden optimale Produkte und Dienstleistungen anbieten zu können.

Vor welchen Herausforderungen stehen die Erdbeeranbauer in Deutschland derzeit beim Thema Pflanzenschutz aus Ihrer Sicht?

A. Fried: Der Lebensmitteleinzelhandel (LEH) hat sehr unterschiedlich begrenzende Forderungen zu Wirkstoffen gestellt, die wissenschaftlich nicht nachvollziehbar sind, aber die Betriebe und die Großmärkte in schwierige Situationen bringen. Die Anzahl von möglichen Rückständen wurde willkürlich begrenzt, die gesetzlichen Rückstandshöchstgehalte um bis zu 80 %  verringert und die Auslastung solo und in der Summe festgesetzt. Dadurch kann die Beratung nicht die sinnvollsten Pflanzenschutzmittelanwendungen empfehlen, sondern muss sich auf die geringstmögliche Nachweisbarkeit von Rückständen ausrichten. Das widerspricht nicht nur den Grundgedanken einer integrierten, nachhaltigen Produktion, sondern auch einer sinnvollen Anti-Resistenzstrategie.

F. Koschnick: Man muss vor allem berücksichtigen, dass alle zusätzlichen Kulturmaßnahmen zur Einhaltung der LEH Vorgaben Aufwände für die Anbauer bedeuten, sprich Zeit und Geld kosten. Dass die Entlohnung des Endproduktes auf einem Wert bleibt und die Kosten der Produktion weiter steigen, ist nicht akzeptabel. Direktvermarkter haben diese Restriktionen der Maximalanzahl von Wirkstoffen nicht, sind also leicht besser gestellt.

Syngenta Erdbeeren

Herausforderung "secondary standards" in der Vermarktung

 

Wie steht Syngenta zu den secondary standards des Lebensmitteleinzelhandels?

U. Henser: Im Rahmen des Zulassungsverfahrens führen wir umfangreiche Studien zum Rückstandsverhalten unserer Pflanzenschutzmittel durch. Sie sind die Basis für die Festlegung von Anwendungsbestimmungen durch die Zulassungsbehörden [z.B. bei Wartezeiten, Höchstmengen, Anwendungsauflagen, Anmerkung des Verfassers]. Diese Anwendungsbestimmungen beinhalten immer auch große Sicherheitsfaktoren. In der EU und in Deutschland werden hierbei strenge Maßstäbe angelegt, um den Schutz von Umwelt, Anwendern und Verbrauchern sicherzustellen. 

Es ist in der Sache weder zielführend noch gerechtfertigt, von den Anbauern zu verlangen, dass sie zusätzliche oder strengere Standards als die gesetzlich vorgeschriebenen Standards einhalten. Aus unserer Sicht untergräbt das die wissenschaftliche Bewertung durch die europäischen und die nationalen Zulassungsbehörden. Außerdem erschwert es unnötig die Arbeit von Beratung und Landwirten und trägt nicht zu mehr Sicherheit für die Konsumenten bei.

Sehen Sie Ansätze, um Kompromisse für die Anbauer bei den LEH Vorgaben zu schaffen?

A. Fried: Die Pflanzenschutzberatung arbeitet intensiv mit dem LEH, um zu einer guten fachlichen Praxis zurückzukehren. Dass es sinnvolle Lösungen gibt, zeigt ein Beispiel aus der Schweiz: Dort erarbeiten Anbauer und der LEH gemeinsam eine abgestimmte Pflanzenschutzstrategie, um potentielle Schaderreger in den Griff zu bekommen. Dadurch kann ein sinnvolles Anti-Resistenz-management entwickelt werden.

Bei welchen Krankheiten im Erdbeeranbau sehen Sie die Umsetzung einer konsequenten Anti-Resistenzstrategie in der Praxis am drängensten?

U. Henser: Die Fruchtfäulen Botrytis, Colletotrichum, Gnomonia stehen beim Pflanzenschutz in Erdbeeren im Vordergrund. Aufgrund der genetischen Tendenz, sehr schnell Resistenzen auszubilden und durch die aktuell zur Verfügung stehenden Wirkstoffe steht Botrytis sicherlich bei der Resistenzvermeidung an erster Stelle.

Erdbeeren Botrytisfaeule als Herausforderung

Botrytisfäule als Herausforderung

 

Was sind in diesem Zusammenhang die konkreten Empfehlungen an die Anbauer?

A. Fried: Wir versuchen in der aktuell schwierigen Zulassungssituation die bestmögliche Pflanzenschutzempfehlung im Sinne einer vernünftigen Anti-Resistenzstrategie zu geben. Letztlich spielen aber die Anbauer die entscheidende Rolle. Wenn sie unsere Empfehlungen beachten, können wir weiter Pflanzen effektiv vor Krankheiten und Schädlingen schützen. Das gilt besonders für die Botrytisbekämpfung.

Welche Möglichkeiten gibt es für die Anbauer, um Resistenzen gegen Botrytis im Feld zu erkennen?

F. Koschnick: Mutierte Stämme erkennt man gut im Labor. Professor Dr. Roland Weber, ESTEBURG-OVA Jork, hat ein Verfahren entwickelt, bei dem durch eine schlagspezifische Beprobung die vorliegenden Botrytisstämme und Resistenzen bestimmt werden. Auf Basis des Resultats kann dann eine Empfehlung für den entsprechenden Wirkstoff, die entsprechenden Wirkstoffe, bzw. für die gesamte Bekämpfungsstrategie gegeben werden. Durch diese Vorgehensweise werden potentiell Resistenz-gefährdete Wirkstoffe geschont, und eine schlechtere Wirkung der Fungizide vermieden.

Wie sichert Syngenta ihre Produkte gegen Resistenzen gegenüber Botrytis ab?

U. Henser: Botrytis ist nach FRAC* bei den Krankheiten mit der höchsten Resistenzgefahr eingestuft. So ist es auch aus heutiger Sicht richtig, ein Produkt wie Switch zu entwickeln, das über die Wirkstoffzusammensetzung besser als andere Produkte geschützt ist. Diese Strategie, unsere Produkte über zwei Wirkungsmechanismen vor Resistenzen zu schützen, wollen wir auch für unsere neuen Produkte in den kommenden Jahren beibehalten. Natürlich sind auch unsere Empfehlungen zum richtigen Applikationszeitpunkt, zur maximalen Anzahl der Anwendungen, zur Aufwandmenge und so weiter, Teil der Strategie, Resistenzentwicklungen vorzubeugen.

Inwiefern trägt die Zulassungssituation der Pflanzenschutzprodukte zur Resistenzdiskussion bei?

A. Fried: Die Resistenzvorsorge wird auch deshalb immer schwieriger, weil durch die Behörden aus vielen und neuen Gründen immer weniger neue Wirkstoffe zugelassen oder bestehende Zulassungen nicht verlängert werden. Wir testen einige neue Pflanzenschutzmittel schon seit Jahren, aber sie erhalten aus verschiedenen Gründen oftmals keine Zulassung. Hauptsächlich ist dies bei Insektiziden seit 2009 der Fall. Wir hoffen immer mehr auf Verlängerungen von Zulassungen bzw. Wiederzulassungen von über viele Jahre bewährten Pflanzenschutzmitteln.

Kommen wir noch einmal auf das Thema der LEH Vorgaben zurück. Inwieweit können Biofungizide hier den Anbauern weiterhelfen?

F. Koschnick: In unseren Versuchen zeigt sich, dass die biologischen Präparate mit dem organisch-synthetischen Pflanzenschutz in der Wirkung nicht direkt vergleichbar sind. Hier erhoffen wir uns in Zukunft noch mehr. Grundsätzlich legen wir unsere Versuche mit biologischen Pflanzenschutz breiter an: Wir setzen das eigentliche Pflanzenschutzprodukt ein, zusätzlich Pflanzenkräftigungsmittel oder sogenannte Biologica und entfernen befallene Früchte konsequent aus den Beständen. Diese Kombination berücksichtigen wir anschließend bei der Auswertung. Die Versuche werden dadurch komplexer, länger und aufwendiger.

Was empfehlen sie den Anbauern aufgrund Ihrer Erfahrungen mit Biofungiziden?

A. Fried: Bei Biofungiziden testen wir, wie bei jedem anderen Pflanzenschutzprodukt auch, erstmal die alleinige Wirkung. Da zeigen viele keine oder max. 30 – 40 % Wirkungsgrad. Im Moment empfehlen wir sie daher im geringen Umfang.

Wie sieht Syngenta gerade die Entwicklung von Biofungiziden?

U. Henser: Wir arbeiten seit einigen Jahren an Lösungen vor allem im Bereich Spezialkulturen, die einen rückstandsfreien Einsatz erlauben. Die ersten Präparate stehen kurz vor der Markteinführung. Richtig ist, dass es noch ein weiter Weg ist, um wirkungsmäßig vergleichbare Produkte zu den derzeitigen Standards anzubieten. Ein Trend zu „rückstandsfreien“ Produkten ist unverkennbar, in Kombination mit pflanzenbaulichen Maßnahmen und konventionellen Pflanzenschutzmitteln werden sich in den kommenden Jahren Bekämpfungsstrategien entwickeln, in die auch Biofungizide sinnvoll integriert werden können.

Im zweiten Teil des Interviews werden die Themen Schutz vor neuen invasiven Schädlingen, der Einsatz von Herbiziden und Additiven und die zunehmende Entwicklung zur Verfrühung im Erdbeeranbau diskutiert. Teil 2 finden Sie hier.