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Kartoffeln bleiben nicht ewig knapp

Aktuelles Kartoffeln
25.02.2019

Im vergangenen Jahr wurden in Deutschland nur 8,7 Mio. t Kartoffeln geerntet. Das ist für den hiesigen Bedarf zu wenig. Der Markt ist seit geraumer Zeit nur knapp versorgt und bietet hohe Preise. Das wird noch lange, aber nicht ewig so bleiben.

Christoph HamblochHerr Christoph Hambloch ist seit 1992 in unterschiedlichen Unternehmen, Gremien und Verbänden als unabhängiger Experte für den Kartoffelmarkt tätig. Als Marktanalyst in der Agrarmarkt Informations GmbH informiert er derzeit die Branche zeitnah über aktuelle Entwicklungen in allen Segmenten des  Marktes. 

Die Bilanzierung der Verwendung der Kartoffelernte 2018 in Höhe von vorläufigen 8,7 Mio. t zeigt, wie knapp die Versorgung im aktuellen Wirtschaftsjahr ist und dass sich einiges gegenüber den Vorjahren ändern muss. Die Deckung der Gesamtnachfrage kann nur erfolgen, wenn sowohl mehr importiert, als auch deutlich weniger weggeworfen wird. Um letzteres hat sich die Branche in den Vormonaten bemüht. Jede Knolle wurde einer Verwertung zugeführt. Bleiben die Verluste bei nur 6 % und werden in Form von Produkten und frischen Kartoffeln ein paar hunderttausend Tonnen mehr Kartoffeln eingeführt, dürften in diesem Wirtschaftsjahr etwa 10,7 Mio. t Kartoffeln zur Verfügung stehen. Damit können aber nicht alle üblichen Mengen der verschiedenen Verwertungen bedient werden. So müssten 500.000 t beim Export eingespart und nur 1,5 Mio. t ausgeführt werden und die Stärkehersteller bekommen mit weniger als 2 Mio. t über 500.000 t weniger Rohstoff als vor einem Jahr. Sicherlich wird auch beim Verbrauch eine halbe Million Tonnen gespart, so dass 4,5 Mio. t reichen müssen. Der Verbrauch ist aber nicht mit der Menge gleichzusetzten, welche die Verbraucher tatsächlich essen. Die dem Verbrauch zu Grunde liegende Hoftor-Bilanz berücksichtigt die Menge als Verbrauch, welche den landwirtschaftlichen Betrieb in Richtung Aufbereiter verlässt. Diese schwankt stark in Abhängigkeit von der Ausbeute. Es werden wohl 2018/19 mehr Kartoffeln nicht verworfen als sonst. Mit Packungsgrößen lassen sich Kalibrierungen oder mit Polieren Schalenfehler kaschieren. Es verbleiben dann noch 600.000 t zum Auspflanzen und ein kleiner Rest, der wirklich für nichts mehr zu gebrauchen ist.

Ungewöhnliche Preisentwicklungen

Der Kartoffelmarkt startete sehr ungewöhnlich ins das aktuelle Jahr. Im Januar fällt die Nachfrage immer auf einen Tiefpunkt im Wirtschaftsjahresverlauf und verharrt dort eine Zeit lang. In diesem Jahr stiegen währenddessen plötzlich die Preise und das, obwohl Kartoffeln schon rekordverdächtig teuer waren. Hier spiegelte sich die prekäre Lage am Markt nach dem Hitze- und Dürrejahr 2018 deutlich wider. Ende Januar waren in ganz Nordwesteuropa fast keine Kartoffeln mehr für unter 30,00 EUR/dt zu bekommen, egal für welchen Verwendungszweck.

In den mengenmäßig bedeutendsten Ländern der EU-Konsumkartoffelproduktion Belgien, Deutschland, Frankreich, Großbritannien und Niederlande summierte sich die Konsumkartoffelernte im Vorjahr nur auf 24,3 Mio. t, was fast 5,3 Mio. t weniger als im Vorjahr sind, teilt der Anbauerverband NEPG mit. Auch früher gab es sehr selten so wenige Konsumkartoffeln. Der größte Mangel herrscht bei den Verarbeitern in Belgien, deren Zulieferer nicht beregnen können. Von dort kommen immer wieder entscheidende Nachfrage- und Preisimpulse. Auch das kennt man sonst nicht, sind die Kartoffeln doch eigentlich in Belgien immer am günstigsten.

Flotter Bestandsabbau

Syngenta Kartoffeln SaatgutIn Deutschland gibt es in dieser Saison wenige Überschussregionen, aber es gab eine viel früher einsetzende Nachfrage aus den Zuschussgebieten. Erstgenannte wurden im Herbst mit einem kräftigen Nachfragesog konfrontiert – nicht nur vom Frischmarkt: Verarbeiter von Belgien bis Westdeutschland kauften fast alles, was irgendwie tauglich war. Große Handelshäuser im Norden meldeten 30 % umfangreichere Verkäufe in der ersten Hälfte des Wirtschaftsjahres als in anderen Jahren üblich. Dabei waren die Vorräte deutlich kleiner. Nun sind sie wohl noch geringer als zur Vergleichszeit in Vorjahren. Der Unterschied ist also noch gewachsen. Im Westen der EU sieht es ähnlich aus. Dort hat allerdings ein relativ großer Überhang aus der Ernte 2017 eine noch größere Versorgungslücke verhindert.

Wie die Versorgungslücken bei Speisekartoffeln gestopft werden

Vor Frühlingsbeginn zeichnen sich am hiesigen Kartoffelmarkt fast keine Versorgungslücken ab, sieht man einmal von Ware für Regionalprogramme oder Wunschsorten und Premiumqualitäten ab. Seit Beginn der Ernte wird die Nachfrage bedient, was nicht nur an den steigenden Preisen zur Lagermobilisierung liegt. Viele Kartoffeln in den Lägern waren nach den Wetterkapriolen 2018 schlecht konditioniert. Sie fingen früh an zu keimen oder zeigten Lagerdruck und zunehmenden Schorfbesatz. Geringes Vertrauen in die Tauglichkeit zur Langzeitlagerung sorgte ebenfalls für eine stets ausreichende Abgabebereitschaft der Lagerhalter. Spätestens ab Mai würden aber Versorgungslücken entstehen, wenn nicht demnächst Importe einträfen.

Schon seit dem Herbst 2018 kommen Lagerkartoffeln aus Frankreich vor allem im Südwesten des Landes an. Sie werden dort abgepackt oder Packer in Frankreich bedienen hiesige Ketten direkt. Der Lieferstrom dürfte sich in den nächsten Wochen noch verstärken. Selbst Kunden in Norddeutschland zeigen Interesse, die sonst selten Kartoffeln aus Frankreich im Sortiment haben. Frankreichs Speisekartoffelernte ist noch vergleichsweise groß ausgefallen und die Anbieter in unserem Nachbarland sind schon immer auch auf Exporte aus. Deren Umfang ist riesig, zielt sonst aber eher auf Südeuropa. Der Preis wird 2019 die Lieferrichtung bestimmen. Spanier, die bis zu 500.000 t aufnehmen können, tun das nur bei günstigen Offerten. Sonst sind die Importe eigentlich eher verpönt. Wenn im Süden der EU aber Bedarf besteht, könnte der mit Frühkartoffeln aus Ägypten gedeckt werden.

Ägyptens Frühkartoffelexporte streben der Marke von 1 Mio. t entgegen. 2018 nahm die EU nur 175.000 t aus dem Land am Nil auf. Da geht also deutlich mehr. Für den nordwesteuropäischen Markt werden Kochtypen, Fleischfarbe und Kaliber nicht immer passen, für Südeuropa aber schon. So dürften Ägypter auf indirektem Weg auch dazu beitragen können, Versorgungslücken zu schließen. Im Fall von Israel sieht es etwas anders aus. Der Export ist nicht so groß, mehr auf die EU fixiert und der Anbau für die aktuelle Saison blieb wegen der schwachen Pflanzgut-versorgung kleiner als zuvor. Letzteres trifft auf Ägypten nicht zu, da der Konsumanbau auf selbst nachgebautem Ausgangsmaterial der Ernte 2017 fußt.

Was beim Verarbeitungsrohstoff geschieht

Kartoffelverarbeiter können Versorgungslücken nur mit einem früheren und umfangreicheren Bezug von Rohstoff aus der neuen Ernte in der EU decken. Frühkartoffelimporte aus Drittländern kommen so gut wie nicht in Frage. Sie haben allerdings auch schon 2018 viele Kartoffelprodukte aus übriggebliebenen Knollen der Ernte 2017 produziert. Damit reicht die Ernte 2018 länger als sonst zu erwarten wäre. Sodann wird alles daran gesetzt, viel früher als sonst neuen Rohstoff zubekommen. Hierzulande gibt es für Frittenkartoffeln Lieferverträge für die letzte Juniwoche. Diese binden die sehr frühe Sorten aus sehr frühen Anbaugebieten, wo die Erzeuger auch Verarbeitungssorten vorkeimen und mit Doppelfolie abdecken. Chipshersteller sind wohl noch eher am Markt. Das Sortenspektrum wurde um frühe Speise-sorten, wie z.B. Berber, erweitert. Einen Teil des Pflanzgutes früher Sorten haben die Verarbeiter zudem im Ausland, beispielsweise im Raum Bordeaux untergebracht, wo die Ernte noch etwas zeitiger einsetzen könnte. Ob dann am Ende alle Engpässe überwunden werden, bleibt abzuwarten. In diesem Segment ist witterungsbedingt derzeit die Hoffnung noch größer als die Gewissheiten, welche Speisekartoffelvermarkter schon haben.

2018 hinterlässt tiefe Spuren

Auch wenn Versorgungslücken geschlossen werden, hinterlässt die Vorjahresernte ihre Spuren im kommenden Wirtschaftsjahr. Das fängt mit dem Pflanzgut an und hört mit hohen Preisvorgaben für importierte Frühkartoffeln noch längst nicht auf.

Die Ernte 2019 wird auf sehr knappem zertifizierten Pflanzgut fußen. Eine Ausweitung des Nachbaus ist wahrscheinlich, mit all seinen negativen Folgen für die Pflanzengesundheit, die Erträge und die Qualität.

Frühkartoffelimporte werden teuer sein, woran sich eine hochpreisige hiesige Frühkartoffel-saison anschließen dürfte. Wieder dürften Speisekartoffeln im Juli und Anfang August von Verarbeitern umworben werden, was aber auch eine Preisfrage sein wird.

Die Wasserversorgung ist nicht nur eine Frage der Niederschläge während der Vegetation, sondern auch der Vorräte im Boden. Die sind häufig bei weitem noch nicht wieder aufgefüllt.

Was ist in den nächsten Wochen wichtig?

Hoffnung auf steigende Preise kann schon mal zu Fehlspekulationen führen. Dazu kommt es aufgrund der Qualitäten im Lager 2019 wohl eher nicht. Der Markt muss kontinuierlich bedient werden und das wird er wohl auch.

Vorsicht bei der Anbauplanung ist geboten. Wer Nachbau betreibt sollte sich der Qualität seines Ausgangsmaterials bewusst sein und es testen lassen. Vermutlich müssen Pflanzgutkäufer auch bei zertifizierten Ladungen hier und da mal genauer hinschauen. Zu häufiges Abkeimen kann zu Auflaufproblemen führen.

Wüsste man heute, dass das Wetter 2019 erneut so extrem trocken und heiß wird wie im Vorjahr und zwar in weiten Teilen Nordwest- und Mitteleuropas gleichzeitig, wäre eine Anbauausdehnung sinnvoll. Mit Wahrscheinlichkeiten zu argumentieren ist wohl müßig. Sicher ist aber, dass bei ausbleiben extremer Witterungsereignisse wie im Vorjahr der bisher genutzte Anbauumfang locker ausreicht, den Bedarf im kommenden Wirtschaftsjahr zu decken. Er war 2017 auch für große Überschüsse gut, was schnell in Vergessenheit zu geraten scheint.

Egal, wie man sich entscheidet: Ein Blick auf die Startbedingungen der Ernte 2019 mit den eventuell gleichzeitig zu nutzenden Möglichkeiten der Absatz- und Preisabsicherung kann nicht schaden. Im Frühsommer könnte auch der Terminmarkt je nach Witterungsverlauf wieder gute Absicherungsmöglichkeiten bieten. Schon oft gab es in einer trocken-heißen Juniphase dort höhere Preise als später beim Verkauf von Lagerkartoffeln.

Weitere Infos rund um die Kartoffel finden Sie hier