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Industriekartoffelpreise haben „nach hinten“ Luft

Aktuelles Kartoffeln
12.10.2015

Kartoffelernte schreitet zügig voran/ Qualitäten in Holland und Belgien schlechter/ Interview mit Joachim Tietjen von der HANSA Terminhandel GmbH

Herr Tietjen, die Preise im Industriekartoffelanbau schwanken sehr stark. Hat das einen Einfluss auf die Anbauentwicklung?

Joachim Tietjen: In diesem Jahr ist die Anbaufläche von Industriekartoffeln in Europa rückläufig. In Großbritannien wurde in Vergleich zum Vorjahr die Fläche für den Industriekartoffelanbau sogar um 7,8 Prozent zurück genommen. In Deutschland ging die Fläche um 3 bis 4 Prozent zurück. In Frankreich und den Niederlanden ist ein ähnlicher Rückgang zu verzeichnen. Es zeigt sich, dass die Anbauer sehr sensibel auf Preisschwankungen reagieren. In Belgien haben die Frittenfabriken Boomjahre hinter sich. In küstennahen Regionen, mit schweren Böden, kann die Kartoffel optimal gedeihen und die gesamte Infrastruktur ist für den Kartoffelbau und den Export von Kartoffelprodukten einzigartig auf der Welt. Von daher hat Belgien seine Marktanteile in der Vergangenheit immer weiter ausgebaut. In diesem Jahr gibt es hier aber seit langem wieder eine rückläufige Flächenentwicklung. Auch Großbritannien hat, trotz seiner Exporte auf die Kanaren, Rückgänge zu verzeichnen. Hier gab es, bedingt durch das feuchte Wetter, mehrfach empfindliche und sehr teure Retouren aufgrund von anhaftender Erde.

 

Wo befinden sich in Europa die Hauptanbaugebiete?

Joachim Tietjen: Der Industriekartoffelanbau konzentriert sich in Europa auf fünf große Regionen. Dazu zählen Belgien, Nordfrankreich, Holland, Nord/Westdeutschland und das südliche Großbritannien. Hier stehen auch die meisten Frittenfabriken.

Wie weit ist die Ernte fortgeschritten? Gibt es schon belastbare Ernteergebnisse und Schwerpunkte bei den Sorten?

Joachim Tiedjen: Laut Aussage der NEPG (North/West European Potato Growers) sind zur Ernte 2015, ohne Saatgut und Stärkekartoffeln, 24,82 Mio. t Kartoffeln geerntet worden. Der Wert lag 14,5 Prozent unter dem Vorjahr und knapp drei Prozent unter dem Fünfjahresmittel. Die Ernte schreitet zügig voran. Frankreich und Deutschland sind fast „fertig“. In Deutschland werden viele mittelfrühe Sorten angebaut. In Holland, Belgien und Großbritannien dominiert nach wie vor die Sorte Bintje und die kann noch lange im Ertrag zulegen und sehr spät geerntet werden. In Holland haben seit Ende August ergiebige Niederschläge die Kartoffeläcker überflutet und den Fortgang der Ernte erschwert. Für die aktuelle Saison gibt es viele Prognosen. Meiner Einschätzung nach erntet Deutschland mit bis zu 10,5 Mio. t und mehr, als die 9,9 Mio. Tonnen, die von offizieller Stelle erwartet werden. Ich gehe zudem davon aus, dass wegen der guten Erträge im Norden Speisekartoffeln auch in die Verarbeitung wandern. In der Kernregion des europäischen Kartoffelbaus erwarte ich, außer bei der Sorte Bintje, gute Erträge.

Frankreich und Polen dürften weniger als im langjährigen Mittel ernten. Holland kämpft aufgrund des Regens zudem mit Fäulnis. In Großbritannien wird die kleinste Ernte seit 10 Jahren erwartet.

Wie sieht es in Deutschland aus?

Joachim Tietjen: Wir haben in Deutschland regional sehr große Unterschiede. In Niedersachsen wurden immerhin mehr als 50 Prozent der deutschen Kartoffeln produziert. Mit rund 472 dt/ha ist das Ertragsniveau 4,5 Prozent über dem 6-Jahresmittel. In den anderen Bundesländern sind die Erträge kleiner. Bayern hat beispielsweise unter starker Hitze und Frühjahrestrockenheit gelitten.

Wie schätzen sie vor diesem Hintergrund die Preisentwicklung ein?

Joachim Tietjen: Aktuell stehen die Kassamamarktpreise unter Druck, was in erster Linie auf die Qualitätsprobleme in Holland und Belgien zurück zu führen ist. Aktuell liegt das Kassamarktpreisniveau für Frittenrohstoff zwischen 10,50 und 16 €/dt frachtfrei Fabrik je nach Sorte und Beschaffenheit. In der Haupterntezeit können die Preise noch etwas unter Druck geraten, dann aber zum Frühjahr auf das Börsenpreisniveau von derzeit rund 17 €/dt frei Fabrik ansteigen. Anbauprofis haben in diesem Jahr Produktionskosten von 6 €/dt. Die 3 €/dt, die im vergangenen Jahr für freie Ware beim Erzeuger angekommen sind, sind also nicht mehr zu verkraften. Die aktuellen Kurse des April-16-Kontrakts an der Terminbörse liegen deutlich über dem, was für Forward-Kontrakte geboten werden.

Im Frühjahr werden die Gebote vermutlich besser. Vor allem, wenn Polen und andere Länder mehr importieren, als im Vorjahr. Seit geraumer Zeit steigt zudem die Weltmarktnachfrage nach Kartoffelprodukten aus der EU stetig an. Auch aus den Schwellenländern, wie Brasilien, dem arabischen Raum und Afrika gibt es Nachfragezuwächse.

In welchem Umfang sichern sich die Erzeuger mit Vorverträgen gegen Preisschwankungen ab?

Joachim Tietjen: Die Vorvertragsbereitschaft der Erzeuger schwankt erheblich. In Belgien wurde vor Jahren noch massiv mit freier Ware spekuliert. Das hat sich gewaltig verändert. Französische, holländische und belgische Erzeuger binden mittlerweile rund 70 Prozent ihrer erwarteten Ernte fest. Der Rest wird verkauft, nachdem sicher ist, wie groß die Ernte tatsächlich ausfällt. Auch in Deutschland wird viel im Voraus verkauft, die Preisfindung orientiert sich inzwischen aber auch an den Kursen der Terminbörse.

Ich glaube, dass europäische Kartoffelprodukte am Weltmarkt gute Chancen haben. In den letzten Jahren haben die Amerikaner an die Europäischen Kartoffelverarbeiter Marktanteile abgeben. Europa, besonders Belgien, ist von seiner gesamten Infrastruktur schlagfertiger und auch wettbewerbsfähiger bei den Herstellungskosten.

Herr Tietjen, vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Brigitte Braun-Michels