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Wie viel Luft nach unten haben die Getreidepreise noch?

Markt und Meinungen
22.07.2013

Die Gerstenernte in Deutschland ist angelaufen und es scheint sich europaweit eine gute Ernte abzuzeichnen. Wir haben uns mit Thomas Quinders von der Quinders Getreideagentur in Neuss, über die Marktsituation zur bevorstehenden Ernte unterhalten.

Thomas Quinders, Geschäftsführer der Bernd Quinders Getreide und Futtermittel Agentur GmbH in Neuss

Herr Quinders, wie stellt sich die Preissituation am Getreidemarkt zu Beginn der Ernte 2013/14 dar?

Thomas Quinders: Wir starten sehr ruhig in die Saison. Der Kassamarkt steht schon seit Wochen ohne große Bewegung auf der Stelle. Nichtsdestotrotz haben wir im Vergleich zur vergangenen Saison 25 bis 30 Prozent vom Preisniveau verloren.

Was sind die Ursachen für den Preisrückgang?

Thomas Quinders: Natürlich die weltweit guten Ernteerwartungen. Der Maismarkt ist ja bekanntlich das Zünglein an der Waage. Hier gibt es die knappste Bilanz und jetzt die höchste Ernteerwartung. In den USA sind die Prognosen derzeit so gut, dass die Preise an der Börse (CBOT) mittlerweile auf ein Dreijahrestief gerutscht sind. Auch in Südamerika, wo die Ernte fast beendet ist, sind die Ergebnisse sehr gut.

Wie ist die Ernte in Deutschland bisher angelaufen?

Thomas Quinders: Die Gerstenernte zieht sich hin wie Kaugummi. Die Abreife ist sehr unterschiedlich und die Aussichten auf Regen waren bisher gering. Die Landwirte lassen es vor diesem Hintergrund ruhig angehen. Am Exportmarkt, zum Beispiel Richtung Rotterdam, ist Gerste sehr gefragt. Die Preise für Gerste franko Hamburg liegen derzeit um 174 €/t für September und bei 180 €/t franko Oldenburg. Die Gerstenerträge bewegen sich am oberen Durchschnitt und die Hektolitergewichte scheinen auch im grünen Bereich zu liegen. Teilweise ist von Problemen mit Fusarien zu hören.

Wie schätzen Sie die Exportmengenpotenziale in Europa und der Schwarzmeerregion ein? Haben die Preise noch weitere Luft nach unten?

Thomas Quinders: Bisher sieht es so aus, dass wir in Europa und auch in der Schwarzmeerregion stabilen Ernteergebnissen entgegensehen. Die Auswirkung auf die Exportmärkte bleibt allerdings abzuwarten. Auch in der letzten Saison hat die Schwarzmeerregion die Exportmärkte, trotz schlechterer Ernten, gut bedient. Derzeit scheint man dort erst einmal die Läger aufzufüllen und die Europäer sind am Exportmarkt aktiv. Es muss nicht immer so sein, dass mit hohen Ernten in der Ukraine und Co. die Exportmärkte gleich verstopft werden. Sofern die Preise nicht attraktiv genug sind, dürfte erst einmal die Versorgung in den Ländern selbst sicher gestellt werden. Was die Priese anbelangt, habe ich den Eindruck, dass alle guten Prognosen mittlerweile eingepreist sind. Ich glaube, es müssten zwei richtig gute Ernten aufeinander folgen, um die Preise wieder auf das Niveau von 150 €/t und darunter zu drücken.

Eigentlich ist die europäische Weizenbilanz aus der letzten Saison 2012/13 ausgesprochen knapp. Ist noch ausreichend Getreide für Mischer und Mühlen bis zum Saisonende greifbar und warum?

Thomas Quinders: Sie kennen doch die alte Händlerweisheit: Knappe Ware wird nie alle. Das scheint sich auch in dieser Saison wieder zu bestätigen. Sie dürfen zudem nicht vergessen, dass Mais für die Mischer billiger war als Weizen. Deshalb ist Weizen zu großen Teilen aus den Mischungen gewichen und steht dem Markt zusätzlich zur Verfügung. Ich glaube, dass ist einer der wesentlichen Gründe für die bessere Versorgung. Außerdem: Die Zuverlässigkeit von Zahlenreihen und Bilanzen ist ein Buch mit sieben Siegeln!

Auf welche Parameter sollten die Erzeuger in den nächsten Wochen achten, um sich eine Preismeinung zu bilden?

Thomas Quinders: Es kommt jetzt auf die tatsächlichen Erntemengen an, das Wetter und die Qualitäten, die sich zeigen. Bei den Erntemengen sind bisher sehr gute Ergebnisse eingepreist worden. Rückschläge könnten sich deshalb eher stabilisierend auf die Preise auswirken. Die Weizenqualitäten bleiben abzuwarten. Sollte das trockene Wetter anhalten, könnte Weizen in die Notreife kommen. Auch beim Mais sind noch nicht alle Messen gesungen. Durch das nasse Frühjahr hierzulande haben sich die Wurzeln nur oberflächlich ausgebildet, was die Pflanzen für Trockenheit empfindlicher macht. Wie wir wissen sind die Amerikaner für die Preisbildung am Maismarkt entscheidend. Wenn sich die sehr guten Erwartungen nicht bestätigen, könnten sich die Preise eher wieder etwas stabilisieren.

Würden Sie in diesem Jahr als Erzeuger Getreide einlagern?

Thomas Quinders: Für den besten Verkaufszeitpunkt gibt es keine Sicherheit, geschweige denn ein Patentrezept. Ich bleibe bei der Meinung, dass Erzeuger am besten mit der Strategie verteilter Verkaufszeitpunkte fahren. Ein Drittel vor der Ernte, ein Drittel während der Ernte und ein Drittel nach der Ernte zu verkaufen, hat sich meistens bewährt. Wir bleiben weiterhin am Getreidemarkt in der Situation der knappen Bilanzen. Die Nachfrage aus dem Futtersektor, die Mühlenindustrie und auch der Bioenergieschiene bleibt hoch. Wenn Märkte knapp sind, ist eine hohe Volatilität (Marktschwankung) vorprogrammiert. In der Knappheit sind Märkte einfach sensibel. Die Rolle der Spekulanten ist für diese Schwankungen im Übrigen untergeordnet. Also, ich würde unterm Strich nie alles auf eine Karte setzten. In der jetzigen Situation könnte ich mir allerdings vorstellen, dass die Preise im Herbst noch etwas Luft nach oben haben, wenn sich die hohen Erwartungen nicht ganz bestätigen und die Importländer aktiv werden.

Vielen Dank, Herr Quinders.

Das Gespräch führte Brigitte Braun-Michels