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Wie startet der Getreidemarkt in die Ernte 2014?

Markt und Meinungen
12.06.2014

Verarbeiter haben sich vor der Ernte gut eingedeckt. Getreidepreise haben sich mit guten Ernteerwartungen beruhigt.

Bernhard Dahmen, Leiter Einkauf Getreide CropEnergies AG

Bernhard Dahmen, Leiter Einkauf Getreide bei der CropEnergies AG, über die aktuelle Versorgungssituation mit Getreide und Preise der bevorstehenden Ernte.

 

Herr Dahmen, wie schätzen Sie die Versorgungssituation der Verarbeiter (Mühlen, Mischer, Bioenergie) in Deutschland zum Ende der Kampagne 2013/14 ein?

Bernhard Dahmen: Ich glaube, die Versorgungssituation ist gut. Dafür gibt es unterschiedliche Gründe. Unerwartet sind die Preise für die alte Ernte am Ende der Saison nach unten gerutscht. Mittlerweile bewegen sich die Preise für Weizen alter Ernte durch die Bank für alle Paritäten bei rund 190 €/t franko (frei Lager). Zwischen Mittel- und Süddeutschland gibt es so gut wie keinen Preisunterschied mehr. Bei dem Preisniveau hat jeder Verarbeiter, der noch etwas zu kaufen hatte, "zugeschlagen". Der nicht vermutete Rückgang der Exporte und zusätzliche Weizenmengen aus Tschechien und Polen haben dazu geführt, dass die Marktteilnehmer sich bis zur Ernte gut eindecken konnten. Meinen Beobachtungen nach steht auf allen Paritäten noch Ware zur Verfügung. Die Anschlussversorgung bis zur Ernte bereitet kein Problem. Teilweise wurde das Verkaufen verpasst. Vor allem aus Frankreich drückt noch Ware aus der alten Ernte auf den Markt.

Wann dürfte die Ernte starten und welche Preise werden derzeit für Gerste, Roggen und B-Weizen, Mais geboten?

Bernhard Dahmen: Startet die Ernte früher als erwartet, und davon gehen bisher die meisten Marktteilnehmer aus, geht es Ende Juni mit der Gerstenernte und Mitte Juli mit dem Weizen los. Beim Weizen liegen die Preise ex Ernte bis Dezember 2014 im mittel- und süddeutschen Raum bei 180 €/t franko. Im Raum Oldenburg sind rund 5 €/t mehr zu erzielen. Gerste liegt für die Termine bis Dezember bei 170 €/t und Roggen bei 160 €/t franko. Für neuerntigen Mais (Oktober/Dezember 2014) liegen die Gebote bei 175 €/t franko. Lediglich starke Regenfälle könnten den zeitigen Erntebeginn wieder nach hinten verschieben.

Wie hoch war die Kontraktbereitschaft zur Ernte 2014? Zu welchen Zeitpunkten und mit welchen Preisen sind Vorkontrakte geschlossen worden?

Bernhard Dahmen: Insgesamt war die Bereitschaft der landwirtschaftlichen Erzeuger, Getreide vor der Ernte zu verkaufen, in dieser Saison verhaltener als sonst. Das bis zum April anhaltende trockene Wetter hat die Unsicherheit über den zu vermarktenden Anteil noch verstärkt. Ich vermute, im Januar haben Landwirte bis zu 5 Prozent der Weizenernte 2014 zu Kursen von 170 €/t franko süd-, bzw. mitteldeutscher Lagerstätte verkauft. Im April, bei Matif-Notierungen von 205 bis 210 €/t wurden weitere Kontrakte zu Preisen um 180 €/t franko ex Ernte mit den Erfassern ausgehandelt. Letztere haben die gekaufte Ware an der Börse abgesichert, da die Verarbeiter durch die Bank geringes Kaufinteresse gezeigt haben. Mittlerweile wird mit einer großen und kurzen Ernte gerechnet.

Wie schätzen Sie die Versorgungssituation mit Getreide in Europa zur bevorstehenden Saison ein? Wo liegt der Preistiefpunkt?

Bernhard Dahmen: Die Versorgung in der EU 28 ist insgesamt sehr gut. Mit einer Gesamtgetreideernte von rund 300 Mio. t dürften wir keine Probleme bekommen. Das Zünglein an der Preiswaage bleibt der Leitmarkt Mais. Bisher geht das amerikanische Landwirtschaftsministerium (USDA) von einer Rekorderntemenge aus. Auch in der EU erwarten wir eine große Maisernte. Vor diesem Hintergrund wird der Weg nach oben für den gesamten Getreidesektor schwierig. Zum großen Teil sind die hohen Ernteerwartungen an den Börsen zwar eingepreist, bei einen guten Ernteverlauf könnte an der Matif aber auch die Marke von 180 €/t getestet werden.

Was könnte den Preisen wieder positiven Auftrieb geben?

Bernhard Dahmen: Unerwartete Wettervorkommnisse könnten das angenommene Szenario schnell relativieren und für Preisauftrieb sorgen. Das gilt auch für Südamerika und Australien, wo große Ernten erwartet werden. Der hohe weltweite Getreidebedarf, in erster Linie für den Nahrungsmittelsektor, muss sichergestellt werden. Trotz sehr hoher Ernten wurden die Bestände in den letzten Jahren nur geringfügig ausgebaut. Aus meiner Sicht bleibt das Getreidepreisniveau auf Dauer ziemlich gefestigt.

Wie hoch ist der Anteil des Getreides in Europa und Deutschland, der in den Bioenergiesektor fließt?

Bernhard Dahmen: In Europa werden rund 10 Mio. t Getreide für die Herstellung von Bioethanol und Proteinfuttermittel verbraucht. In Deutschland fließen 1,2 bis 1,4 Mio. t Getreide in Bioethanolanlagen. Große Unbekannte sind in nächster Zeit, durch die Politikunsicherheit, die Biogasanlagen. Bei Biokraftstoffen wird derzeit auf europäischer Ebene über den Beitrag von Biokraftstoffen aus Getreide, Zucker und Ölsaaten zum 10%-Ziel an erneuerbare Energien im Transportsektor beraten. Hier erwarten wir in den nächsten Monaten mehr Klarheit und gehen davon aus, dass Bioethanol aus Getreide und Zucker auch im Kraftstoffmix der EU bis 2020 und darüber hinaus eine bedeutende Rolle spielen wird.

Wie attraktiv ist die Bioethanol-Erzeugung derzeit und wie wird die Zukunft eingeschätzt?

Bernhard Dahmen: In Europa ist der Ottokraftstoffmarkt aufgrund verbrauchsärmerer Motoren und einer steuerbedingten Bevorzugung von Diesel rückläufig. Das heißt, die ursprünglich von den Mitgliedstaaten geplante Erhöhung der Beimischungsquoten muss umgesetzt werden, damit der Bioethanol-Markt in Europa wächst. Im Mittelpunkt steht dabei die Einführung von E10 in weiteren Mitgliedsstaaten.

Was bedeutet das für Ihr Unternehmen?

Bernhard Dahmen: Bei den derzeitigen Getreide- und Bioethanol-Preisen hängt die Rentabilität vom jeweiligen Anlage-Setup ab. Aufgrund der schwierigen Marktverhältnisse gehen wir von einer weiteren Konsolidierung der Branche aus.

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Dahmen.

Das Gespräch führte Brigitte Braun-Michels.