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Wie reagiert der Markt auf den Wegfall der Milchquote?

Markt und Meinungen
10.04.2015

Erzeuger sind an schwankende Milchpreise gewöhnt/Aktueller Milchpreis zu niedrig für flächendeckende Produktion

Nach über 30 Jahren ist zum 1. April 2015 die Milchquotenregelung weggefallen. Im Jahr 1984 hat der EG-Ministerrat die Milchquote beschlossen. Dem waren ein jahrelanger Milchüberschuss sowie „Butter- und Milchpulverberge“ vorausgegangen. Was kommt nach der Milchquote und welche Risiken und Chancen gibt es jetzt für landwirtschaftliche Erzeuger?

Über dieses Thema haben wir mit Ludwig Börger, Leiter des Referates Milch beim Deutschen Bauernverband (DBV), gesprochen.

Wie hat sich die Milchproduktion in Europa und in Deutschland in den letzten beiden Jahren vor dem Wegfall der Quote entwickelt?

Ludwig Börger: Die Milchquote hat in den vergangenen Jahren in den meisten EU-Mitgliedstaaten keine Rolle mehr gespielt. Im Milchquotenjahr 2013/2014 wurde bei einer Gesamtanlieferung von 144 Mio. t die EU-weite Quote um 4,6 Prozent unterschritten. Nur von acht Staaten wurde in dem Jahr die nationale Referenzmenge überliefert, darunter Deutschland. Die erlaubten 30,2 Mio. t wurden hier um 1,9 Prozent übertroffen. Aufgrund günstiger klimatischer Bedingungen sowie in den Jahren 2013 und 2014 im Jahresmittel vergleichsweise guten Milcherzeugerpreisen wurde die Produktion europaweit ausgeweitet. Für das letzte Milchquotenjahr 2014/2015 kann deshalb davon ausgegangen werden, dass die Quote von 13 Staaten nicht eingehalten wird und die EU ca. 149 Mio. t Milch produziert. In Deutschland dürfte die Anlieferung ca. 31. Mio. t betragen. Zum Ende des letzten Milchquotenjahres zeichneten sich jedoch europaweit starke Bremsspuren ab. Milcherzeuger reagieren nicht nur auf den derzeit niedrigen Milchpreis, sondern müssen in einigen Staaten auch noch deftige Strafen für die Überlieferung (Superabgabe) zahlen.

Wie hat sich der Milchpreis in den letzten drei Jahren vor diesem Hintergrund entwickelt und worauf führen Sie den Preisverfall zurück?

Ludwig Börger: Man kann nicht von einem generellen Preisverfall sprechen. Vielmehr haben sich die europäischen Milcherzeuger auf stark schwankende Milchauszahlungspreise einzustellen. Im Jahr 2012 wurden im Durchschnitt in Deutschland 32 Cent/kg Milch von den Molkereien ausgezahlt. In den Jahren 2013 und 2014 im Jahresmittel jeweils ca. 37,5 Cent/kg. Im Februar 2015 lag der Preis bei durchschnittlich 29,6 Cent/kg. Der Preis reagiert schlicht und einfach auf Angebot und Nachfrage. Im letzten Jahr ist das Milchangebot in der EU und auch weltweit kräftig ausgedehnt worden. Das betraf im Jahr 2014 vor allem Europa, Neuseeland, Australien und die USA. Gleichzeitig gab es die politische Entscheidung des Importstopps nach Russland und eine Kaufzurückhaltung aus China. Das hat den aktuellen Preisrückgang beschleunigt.

Ist beim aktuellen Preisniveau Milchproduktion überhaupt noch kostendeckend möglich?

Ludwig Börger: Auf dem Niveau, auf dem sich die Preise derzeit befinden, ist keine flächendeckend gewinnbringende Produktion mehr gewährleistet. Es gibt nur noch wenige Betriebe, die ihre Kosten bei diesem Auszahlungspreis decken können. Als Auffangnetz bleibt, auch nach Wegfall der Quote, immerhin noch der Interventionspreis von umgerechnet ca. 21 Cent/kg in Europa bestehen. Wenn sich die Preise jedoch über einen längeren Zeitraum auf diesem Niveau bewegen sollten, bedeutet das den Genickbruch für die europäische Milcherzeugung.

Hat die Quote vor Milchpreisverfall geschützt und in welcher Bandbreite sind die Preise in den letzten Jahren geschwankt?

Ludwig Börger: Den absoluten Tiefpreis haben wir mit 22,7 Cent/kg im Jahr 2009 gesehen. Unterm Strich schwankten in den letzten Jahren die Preise bei der Milch um bis zu 20 Cent/kg. Ende 2007 wurde ein Rekordauszahlungspreis von 42,4 Cent/kg gezahlt. Ihre Frage ist damit beantwortet: Die Quote hat den Preisverfall nicht verhindert und die Marktschwankungen waren gewaltig.

Wie reagieren Erzeuger auf den Wegfall der Quote?

Ludwig Börger: Die Erzeuger haben sich in den letzten Jahren bereits auf den Wegfall der Quote eingestellt. Die Reaktionen sind unterschiedlich ausgefallen. Im Norden ging die Tendenz eher zum Größenwachstum, im Süden haben sich die Unternehmen vermehrt auf den Absatz der Milch für Nischenprodukte konzentriert. Andere landwirtschaftliche Unternehmen stellen sich sehr diversifiziert auf, um Gewinnschwankungen mit anderen Produktionszweigen abfangen zu können. Auch mit der Quote hat sich bereits die Tendenz gezeigt, dass die Milchproduktion zum „besseren Wirt“ wandert. Der Strukturwandel hat sich seit Beginn der Einführung der Quote unentwegt fortgesetzt. Im Jahr 1984 gab es noch 400.000 Milchbauern. Heute sind es in Deutschland noch 76.000.

... und was bedeutet der Wegfall der Quote für die Molkereien?

Ludwig Börger: Die genossenschaftlich organisierten Molkereien sind zum Ergebnis gekommen, dass es vorerst bei der Andienungs- und Abnahmepflicht der gesamten Milchmenge bleibt. Die Bildung eines A- und B-Preises, siehe Modell Zuckerrübe, scheint vorerst nicht geplant.

Von Seiten der Molkereien wird wahrgenommen, dass die weltweite Nachfrage nach qualitativ hochwertigen Milchprodukten und Milch, die in Deutschland erzeugt wird, steigt. Die Molkereien sind weiterhin dabei, zusätzliche Absatzmärkte zu sichern und auszubauen. Dabei konzentriert man sich in erster Linie auf stark wachsende Drittlandsmärkte, sprich China, den Nahen Osten oder Nordafrika. Ein Rückschlag hat sich durch den Importstopp in Russland und die Abwertung des Rubels ergeben. Hier ist vorerst viel Kaufkraft verloren gegangen.

Ist mit Wegfall der Quote ein weiterer Wachstumsschub der Milchproduktion in Deutschland und der EU zu erwarten?

Ludwig Börger: Wir gehen davon aus, dass sich sowohl in der EU wie auch in Deutschland das Wachstum weiter fortsetzt und kalkulieren mit ein bis drei Prozent Produktionszuwachs pro Jahr, abhängig vom Milchpreis und den klimatischen Bedingungen. Auf der anderen Seite wissen wir nicht, wie zukünftige politische Beschlüsse den Zuwachs behindern. Man denke an die Düngeverordnung, begrenzte Genehmigungen von Stallneubauten und ähnliches. Ein unbegrenztes Wachstum wird vermutlich nicht möglich sein.

Müssen wir von Seiten der Politik mit weiteren/neuen Marktregularien rechnen?

Ludwig Börger: Wie sie wissen, bleibt das Sicherheitsnetz in Teilen erhalten, insbesondere in Form der öffentlichen Intervention und der privaten Lagerhaltung. Der Staat zieht sich also nicht komplett zurück. Nach wie vor wird innerhalb Europas diskutiert, ob und wie in Krisenfällen reagiert werden soll. Bisher halten wir die Wahrscheinlichkeit zusätzlicher Marktregularien nach der Quote jedoch für unwahrscheinlich. Die Mehrheit der relevanten EU-Erzeugerländer denkt liberal und wünscht sich weniger Staat und mehr Markt.

Herr Börger, vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Brigitte Braun-Michels.