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Wer nicht wagt, der nicht gewinnt!

04.09.2012

Preisauftriebphasen verleiten zu Spekulation / Kalkulierte Risikostrategie ist der sichere Weg

Obwohl das russische Analysehaus SovEcon in seiner jüngsten Prognose die russische Weizenernte mit 38 Mio. t weiter nach unten korrigiert hat, soll es von Regierungsseite keine Exportrestriktionen geben. Ägypten hat noch dazu am Wochenende 240 000 t russischen Weizen gekauft.  Eigentlich hatten Marktbeobachter mit einem Exportstopp gerechnet und den Aufschwung der Preise vorweggenommen. Weil letzterer ausblieb, haben sich die Börsenpreise zu Beginn des Septembers erst mal nach Süden ausgerichtet.
 
Rein versorgungstechnisch dürfte diese Talfahrt nicht lange andauern. Die weltweite Versorgung mit Mais und Bohnen ist in dieser Saison bekanntermaßen knapp und Meldungen aus Südeuropa sorgen dafür, dass die EU-Getreidebilanz enger wird, als bisher vermutet. Die russische Versorgungslücke dürfte zudem  früher oder später sichtbar werden. Darin sind sich Marktbeobachter einig.
 
Also geht es mit den Preisen immer weiter aufwärts. Das Fundament für das Erreichen der 300 €- Marke für Weizen an der Matif scheint sicher.  Erzeuger hierzulande, die über Lagerraum verfügen, halten bei diesen Vorzeichen an ihrer klassischen Strategie fest und legen ihre Ware zu großen Teilen erst mal „auf Eis“. Ob diese Rechnung tatsächlich aufgeht, bleibt offen.
 
Allein das Chartbild für die Weizennotierungen an der Matif seit Beginn der Ernte zeigt, dass sich das Preisniveau, mit kleinen Ausreißern nach oben oder unten, im Seitwärtstrend um 260 €/t arrangiert hat. In dieses Preisniveau sind alle Meldungen, die zu der weltweit knappen Versorgungssituation beitragen, bereits eingepreist. Um aus dieser Komfortzone auszubrechen, braucht es weitere „Katastrophenmeldungen“. Wie realistisch diese Annnahme ist, muss sich jeder Marktteilnehmer selbst beantworten.
 
Es bleiben die unberechenbaren Komponenten, wie nicht absehbare Entscheidungen an den Finanzmärkten und Verbrauchsrückgänge, die allmählich deutlich werden.
 
Für Erzeuger ist es eine große Herausforderung, bei solchen Preisausschlägen den richtigen Vermarktungszeitraum auszuloten. Immerhin sind seit Ende 2011 die Weizenpreise um rd. 80 €/t gestiegen. Wer sich schon bei 160 €/t von beispielsweise
2 000 t seiner Ware getrennt hat, muss tränenden Auges erkennen, dass heute 160 000 € in seinem Portemonnaie fehlen. Sofern dieser Erzeuger jetzt wartet und für die letzen, sagen wir, 1000 t seines Weizens 40 €/t mehr realisiert, macht er immerhin 40 000 € wett. Geht eine solche Rechnung auf Dauer auf oder handelt es sich eher um die Strategie: Die Hoffnung stirbt zuletzt?
 
Um mittelfristig mit Schwankungen, die in notorisch kapp versorgten Märkten regelmäßig auftreten, umzugehen, geht an einer kaufmännischen Risikostrategie kein Weg vorbei. Die bedeutet, erstens kontinuierlich das Marktgeschehen zu beobachten und zweitens immer dann mit dem Verkauf von Teilmengen anzufangen, wenn sich ein passabler Gewinn realisieren lässt. Erzeuger, die so verfahren sind, konnten in dieser Saison bisher einen Durchschnittserlös von 210 bis 220 €/t für ihren Weizen realisieren. Damit werden ein sicherer Verdienst und die betriebliche Liquidität garantiert.
 
Bei dieser Planung können Vermarkter  mit einem überschaubaren Rest ihrer Ware  gelassen darauf setzen, dass: Wer nicht wagt, auch nicht gewinnt!
 
Brigitte Braun-Michels