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Rohölpreise sind überteuert

Markt und Meinungen
04.06.2015

Interview mit Eugen Weinberg, Rohstoffanalyst bei der Commerzbank Frankfurt

Eugen Weinberg, Rohstoffanalyst bei der Commerzbank Frankfurt befürchtet, dass Anleger den Rohölmarkt zu positiv beurteilen. Derzeit nährt die Hausse die Hausse. Wir haben diskutiert, welche Folgen das in Zukunft haben könnte.

Herr Weinberg, mit kleinen Schwankungen haben sich die Ölpreise vom 6-Jahrestief um 50 Prozent verteuert. Ist dieser Preisanstieg fundamental zu rechtfertigen?

Eugen Weinberg: Nur teilweise. Auf der einen Seite ist es zwar richtig, dass wir eine hohe Nachfrage haben. China hat zum Beispiel im April eine rekordhohe Menge von täglich 7,4 Mio. Barrel Rohöl importiert. Das sind 1 Mio. Barrel pro Tag mehr als noch im Monat zuvor. Auf der anderen Seite steigt die globale Ölproduktion viel stärker als gedacht und der Markt wird dadurch alles andere als entlastet. Anders als noch zu Jahresbeginn erwartet, läuft die US-Schieferölproduktion auch beim aktuellen Preisniveau noch immer auf Hochtouren. Der Rohölmarkt ist durch spekulative Anleger nach wie vor positiv gestimmt. Ich glaube jedoch, dass eine Preiskorrektur nicht ausgeschlossen ist.

Wie stellt sich die Versorgung am US-Ölmarkt und von Seiten der Opec dar?

Eugen Weinberg: Die OPEC hat zuletzt mit einer Rohölproduktion von über 31 Mio. Barrel überrascht, während der Bedarf an Opec-Öl bei deutlich weniger als 30 Mio. Barrel pro Tag liegt. Vor über 50 Jahren wurde die OPEC gegründet, um die Preise stabil zu halten. Jetzt sind die Ziele neu ausgerichtet. Der Fokus liegt jetzt auf der Verteidigung von Marktanteilen und nicht mehr nur auf dem Preis. Deshalb reagiert die OPEC anders, als gewohnt.

Wer oder Was sind die Auslöser für den unerwarteten Anstieg und warum „will“ der Ölpreis derzeit steigen?

Eugen Weinberg: Der Preisanstieg wird durch Anleger begünstigt. Wir vermuten, dass der Preisanstieg mehr und mehr Anleger in den Markt lockt, nach dem Motto: „Wir investieren in etwas, was steigt.“ Anleger sehen, dass sich der Ölmarkt seit Beginn des Jahres im Aufwärtstrend befindet und auch die Nachfrage aus China wird beobachtet. Schließlich schätzen die Anleger die Schieferölproduktion in den USA als zu kostspielig ein und wissen auch, dass die OPEC-Mitglieder im Grunde höhere Preise benötigen. Viele Investoren sehen, dass der Ölpreis steigt und möchten einfach partizipieren. Geld ist derzeit billig, die Zinsen sind niedrig und die Anlagealternativen begrenzt. Am Ölmarkt nährt derzeit die Hausse die Hausse. Unseres Erachtens ohne wirkliche Berücksichtigung der fundamentalen Daten.

Welche Gefahr besteht, wenn ein Markt spekulationsgetrieben ist?

Eugen Weinberg: Am Ölmarkt hat sich eine spekulative Übertreibung gebildet und es steht zu befürchten, dass diese korrigiert wird. Wenn die Preise zu stark steigen, können sie stärker fallen, als dies gerechtfertigt wäre. Wenn die OPEC nichts dagegen unternimmt und das Überangebot vom Markt nimmt, besteht das Risiko, dass die Ölpreise unter 40 US-Dollar/Barrel fallen.

Wie schätzen Sie den Einfluss des Frackings ein?

Eugen Weinberg: Wann die Reserven dieser Form der Ölgewinnung tatsächlich erschöpft sind, vermag niemand richtig zu beurteilen. Die meisten Leute sagen zum Beispiel heute, dass uns in 40 Jahren das Öl ausgeht. Das haben sie vor 40 Jahren auch schon gesagt. Was ich damit zum Ausdruck bringen will ist, dass es schwierig ist, die Erdölverfügbarkeit präzise vorauszusagen. Meines Erachtens brauchen wir uns bezüglich der Ölgewinnung aus Schiefergestein in den nächsten 100 Jahren keine Sorgen zu machen. Und es wird immer neue Methoden und Verfahren der Rohölgewinnung geben. Aus dieser Warte sind Schätzungen mit Vorsicht zu genießen.

Die amerikanische Energiebehörde (EIA) rechnet damit, dass die Vereinigten Staaten frühestens 2019 und spätestens 2030 energieautark sein werden. Welche Auswirkungen hätte das mittelfristig auf die Rohölpreise?

Eugen Weinberg: Ich glaube nicht, dass es den USA gelingen wird, mit der Rohölproduktion autark zu werden. Der US-Importbedarf an Rohöl geht aber mittelfristig zurück. Das heißt, es wird mehr Öl am Weltmarkt verfügbar. Dem Anstieg der Rohölpreise sind damit Grenzen gesetzt.

Wie hoch schätzen Sie noch den Einfluss der Rohölpreise auf die Preise von energetisch nutzbaren Pflanzen ein?

Eugen Weinberg: Die Energiepreise sind nur ein Faktor für die Preisentwicklung der Agrarrohstoffe. Aktuell wirken sich reine fundamentale Gründe, sprich hohe Erzeugungsmengen, auf die Preise der Agrargüter aus. Eine entscheidende Größe ist aber auch die Währungsrelation US-Dollar zu Euro. Auch die Entwicklung der brasilianischen Währung Real zum Dollar hat zum Beispiel Auswirkungen auf die Sojabohnen- und damit auch auf die Rapspreise. Mittelfristig wirkt sich zudem die Entwicklung der Maismenge für die Ethanol Produktion in den USA aus.

Beim Mais setzten viele Marktteilnehmer derzeit auf sinkende Preise. Das ist eine umgekehrte Entwicklung, wie bei den Ölpreisen mit möglichen Folgen einer Preissteigerung. Warten wir ab.

Herr Weinberg, wir danken Ihnen für das Gespräch.

Das Interview führte Brigitte Braun-Michels