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Kurzfristige Folgen der expansiven Geldpolitik könnte auch Agrarmärkten den Garaus machen

Markt und Meinungen
12.09.2014

Interview mit Marktanalyst und Herausgeber des Dienstes Agrartrends.de Robert Theis zu den Preis bestimmenden Merkmalen der Agrargüter.

Robert Theis, Marktanalyst und Herausgeber des Dienstes Agrartrends.de

Frage: Agrarmarktteilnehmer, die nach dem Motto: Buy the rumours, sell the facts (zu deutsch: Kaufe das Gerücht, verkaufe die Tatsachen!) vorgehen, haben inzwischen alle wichtigen Katastrophen(wetter)meldungen eingepreist.  Ist in naher Zukunft ein Dämpfer abzusehen?

Antwort: Erinnern wir uns: Die signifikanten Preisanstiege der letzten Wochen haben ihren fundamentalen (mengenmäßigen) Ursprung in den trockenheitsbedingten Ertragsverlusten in Südamerika, der Schwarzmeerregion und schließlich in den USA. Der schlimmsten Dürre in den letzten 60 Jahren im Mittleren Westen der USA fielen etwa 100 Mio. to Mais zum Opfer. Die Versorgungsbilanz bei Mais bleibt weiterhin extrem knapp.  Schätzungen über die zu erwartenden Ertragseinbußen wurden bei der Preisbildung in den letzten Wochen verarbeitet. Zuletzt konnten sich die Preise aber zu keinen neuen Hochs mehr schwingen, sodass sicherlich die Gefahr für preisliche Rückschläge besteht. Mittlerweile floss aus vielen Agrarmärkten mehr Geld ab als zu, was sinkende Kontraktbestände anzeigen. Derartiger Mittelabfluss lässt die Märkte häufig auf wackeligen Beinen zurück, sodass ein erhöhtes Maß an Aufmerksamkeit geboten ist. Neue Mengenimpulse werden von der US-Ernte kommen, die bisher noch nicht in die Hauptanbaugebiete vorgedrungen ist.

Frage: Die Europäische Zentralbank (EZB) hat ein neues Programm für den Ankauf von Anleihen finanzschwacher Länder beschlossen. Kann diese Form der Geldpolitik auf Dauer funktionieren?  Welche Gefahren verbergen sich dahinter?

Antwort: Durch den Euro wurde die Währungskonkurrenz in Europa ausgeschaltet und Deutschland in ein gemeinschaftliches Währungsschicksal gezwungen. Der Hammer, mit dem man seines eigenen Währungsschicksals Schmied sein kann wurde an die Brüsseler Sozialisten und an die EZB abgegeben. Mit der neuen Gemeinschaftswährung wurde sich in den kriselnden Ländern hemmungslos verschuldet, aber keinerlei Produktivitätszuwachs erzielt, mit dem man die Kredite zurückzahlen könnte, sodass man auf eine permanente Refinanzierung zu Billigstkonditionen angewiesen ist. Der Umstand, dass private Gläubiger vorzugsweise denjenigen Schuldnern Geld leihen, bei denen Aussicht auf Rückzahlung besteht, hat bei den Brüsseler Eurokraten lebhafte Empörung ausgelöst und man meint, hierin das Versagen des Marktes erkannt zu haben. Das Gegenteil ist natürlich der Fall! Da die Verschuldungsgrade groteske Niveaus erreicht haben, sind so gut wie alle privaten Refinanzierungsquellen versiegt, sodass man auf die anderen Mitgliedsstaaten durch Zwangshaftungsmechanismen und auf die Endlosgelddruckerei der EZB angewiesen ist. Das heißt, dass man die marktwirtschaftliche Preiszuweisung für Staatsanleihen bei der Refinanzierung quasi ausgeschaltet hat und derzeit alles unternimmt, jede Änderung dieses Zustandes aufzuhalten. Diese ewige expansive Geldpolitik, die für jedweden ökonomischen Unsinn Kredite zur Verfügung stellt, ist natürlich fatal, da sie Ursache für Fehlallokationen und Blasenbildung ist. Bräche der Euro auseinander, was er hoffentlich bald tut, dann stehen natürlich diejenigen am besten da, die sich im Vorhinein am stärksten verschuldeten. Aber lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende, denn schließlich steht die gesamte Lebensarbeitsleistung der Deutschen auf dem Spiel!

Frage: „Not kennt kein Gebot“! Was könnte das Bundesverfassungsgericht zu dem Vorhaben sagen?

Antwort: Es sollte besser heißen „Gebot kennt keine Not“, denn erst die systematische Verletzung der absoluten Mindestanforderungen an die Stabilität der Gemeinschaftswährung Euro, die Maastricht Kriterien, hat zur jetzigen Notsituation geführt! Das sollte man in erster Linie einmal erkannt haben, bevor man sich an etikettenschwindlerische „Eurorettungsmaßnahmen“ macht. Sie sind nicht im mindesten dazu geeignet, Rettung zu bringen, sondern forcieren nur den Niedergang der Währung weiter. Nebenbei werden die vernünftig wirtschaftenden Menschen um ihr Hab und Gut gebracht. Das Bundesverfassungsgericht betreibt ganz offensichtlich die Abschaffung des deutschen Staates kräftig mit, sodass man keine Prognose wagen kann, was uns aus Karlsruhe erwartet. Ich hoffe, dass das Bundesverfassungsgericht endlich mit seiner Tradition bricht, zu allem, was sie von der Politik in Sachen Eurorettung vorgelegt bekommen Ja und Amen zu sagen, denn auf unsere Politiker braucht man nicht mehr zu hoffen. Lassen sie mich noch hinzufügen, dass es eine Schande für die demokratische Kultur Deutschlands ist, dass die Eurokritiker, wenn sie die Interessen der Deutschen wahrnehmen, als sozial minderwertige Lumpen beschimpft werden, denen jedweder ökonomische Weitblick fehle. Auch hier ist das Umgekehrte der Fall!

Frage: Wie könnten sich die EZB-Vorhaben auf die Anlage von Rohstoffen kurzfristig auswirken?

Antwort: Die kurzfristigen Auswirkungen sind erst einmal, dass geldseitige  Konsequenzen auf die Preisfindung ausbleiben. Absolut notwendige Wertberichtigungen in den Bankbilanzen werden weiterhin verhindert. Das führt vorerst zu keinem akuten Liquidationsbedarf, der sich lauffeuerartig auf alle Märkte ausbreitet so, wie wir es in 2008 gesehen haben. Die künstliche Reichrechnerei geht bis jetzt munter weiter und die stark ramponierten Fassaden des Potemkinschen Dorfes bleiben stehen. Problem ist, dass sich die globalwirtschaftliche Datenlage zusehends verschlechtert. Es gibt mittlerweile auf der ganzen Welt eine unüberschaubare Anzahl von mit Billiggeld ins Leben gerufener Projekte, denen jedwede ökonomische Daseinsberechtigung fehlt.

Frage: Welche langfristigen Folgen könnte diese Geldpolitik beinhalten?

Antwort: Sämtliche marktwirtschaftlichen Disziplinierungsmaßnahmen werden unterbunden. Das führt zu immer weiterer Verschuldung und dem Anstoßen irrwitziger Unternehmungen. Die Folge sind weitere Verzerrungen und der Zusammenfall des marktwirtschaftlichen Preisgefüges. Preise können dann nicht mehr als Signalgeber für unternehmerisches Handeln dienen, weil sie nicht mehr das Resultat von Angebot und Nachfrage sind (siehe Solarindustrie). Schließlich wird es an immer mehr Stellen in der Wirtschaft anfangen zu brennen, was wiederum weitere politische Markteingriffe nach sich zieht. Uns erwartet neben massiven Kaufkraftverlusten des Euro immer mehr staatliche Regulierungswut. Am Ende wird kein Lebensbereich mehr staatsfrei bleiben und man endet im Eurokratentotalitarismus. Man kann nur hoffen, dass die anonymen Kräfte des Marktes vorher die Macht ergreifen und den Brüsseler Sozialistenspuk beenden.

Frage: Müssen wir für die Agrarrohstoffe das Szenario von 2008 befürchten?

Antwort: Das ist eine schwierige Frage, auf die man aber eine Antwort wagen darf. Im großen Unterschied zu 2008 haben wir heute keine Erholung bei der Knappheit der agrarischen Versorgungsbilanzen. Die warenseitige Knappheit spricht klar für ein festes Preisniveau, wo auch immer dieses trendanalytisch zu finden mag. Den geldseitigen Einfluss auf das Preisgeschehen schätze ich hingegen aus den oben genannten Gründen kurzfristig preispessimistisch ein.  Eine Schockwelle aus erzwungener Liquidation aufgrund mit wertlosen Papieren aufgeblähten Investmentbankbilanzen kann den warenseitig positiven Ausblick in seiner Wirkungsfähigkeit bei der Preisbildung ausstechen. Ein Gesundschrumpfen der fremdkapitalgehebelten Bilanzen wird aber von politischer Seite auf Gedeih und Verderb versucht aufzuhalten. Politische Einflüsse sind der Beliebigkeit unterworfen, sodass man über deren weiteren Verlauf nichts Belastbares sagen kann. Hier muss sich jeder selbst seine Antwort geben.

Frage: Welche Akteure sind bei dem aktuell hohen Preisen an den Börsen noch aktiv und wie kann man das derzeitige Chartbild für Getreide (Mais und Weizen) interpretieren?

Antwort: Nach meiner Wahrnehmung sind nach wie vor alle Teilnehmergruppen am Markt aktiv, jedoch in geringerem Umfang als noch vor vier Wochen. Die sinkenden Kontraktbestände haben wir bereits angesprochen. Charttechnisch ist die derzeitige Situation sehr interessant, denn die Aufwärtstrends sind nicht noch gebrochen, sondern ruhen in Seitwärtszonen. Trotz abgeflossenen Kapitals sind Preisniveaus in einer charttechnischen Situation zurückgeblieben, die als exzellentes Sprungbrett für weitere Preissteigerungen dienen können. Hier muss man charttechnisch sehr genau hinschauen, was sich demnächst ergibt, denn eine eben besprochene geldseitig motivierte Liquidationswelle kann alles Positive zunichte machen.

Brigitte Braun-Michels