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Getreide im stabilen Seitwärtstrend

Markt und Meinungen
16.04.2015

Interview zum Getreidemarkt: Einflussfaktoren auf die Preisbildung

Trotz weltweit komfortabler Versorgungslage bleiben die Weizenpreise in Paris auf einem vergleichsweise stabilen Niveau. Ob das so weiter gehen kann und welche Faktoren für die Preisbildung zur kommenden Saison eine Rolle spielen, darüber haben wir mit Thomas Quinders, Geschäftsführer Quinders Getreide- und Futtermittelagentur GmbH, Neuss, gesprochen.

Wie hoch schätzen Sie die Bestände an Getreide (Brot und Futter) aus der Ernte 2014 ein?

Thomas Quinders: Über die Höhe der noch unverkauften Getreidebestände, sei es bei der Landwirtschaft direkt oder beim Erfassungshandel, sind die Auffassungen sehr unterschiedlich. Ich vermute, dass der Norden durch das stetige Exportgeschehen sehr gut verkauft hat. Jedoch werden aus Niedersachsen auch immer wieder Getreidelieferungen angeboten. Regional dürften im Süden die Bestände größer sein als im Westen und im Nordosten Deutschlands. Insgesamt schätze ich, dass 15 bis 25 Prozent des Getreides aus der alten Ernte noch nicht verkauft, zum Teil aber von Seiten des Erfassungshandels an der Matif abgesichert sind.

Ist das Preishoch im Dezember 2014 für die Getreidevermarktung im großen Stil genutzt worden?

Thomas Quinders: Ich glaube, das war nur zu einem relativ geringen Anteil der Fall. Das Preishoch lag genau zwischen den Feiertagen Weihnachten und Neujahr. Da war kaum einer mit der Getreidevermarktung beschäftigt. Und im neuen Jahr musste die Vermarktung auch erst anlaufen. Insgesamt ist der inländische Getreideverkauf in diesem Jahr ungewöhnlich „lautlos“ verlaufen. Vermutlich ist viel Futtergetreide aus der Ernte und auch danach direkt an die Mischer vermarktet und im Gegenzug Zukauffuttermischungen erworben worden. Die These wird durch die eher zurückhaltende Nachfrage der Mischer in dieser Saison am Markt untermauert. Mühlen haben vielfach über Prämienkontrakte ihre Grundsicherung getätigt.

Wie hoch schätzen Sie denn den Bedarf ein, den Mischer und Mühlen jetzt noch bis zur Ernte haben?

Thomas Quinders: Aus meiner Sicht ist der Bedarf nicht mehr allzu groß. Wir haben jetzt Mitte April und Mühlen wie Mischer signalisieren nur noch begrenzten „Hunger“. Ich denke, dass wie oben schon erwähnt, viel Geschäft „unter der Decke gelaufen ist“. Auf der anderen Seite ist auch aus der Landwirtschaft nur noch begrenzt Ware verfügbar. Wenn Verarbeiter auf Mengen warten, die sich als nicht mehr verfügbar entpuppen, dürfte Getreide aus der alten Ernte noch regionale Preisimpulse erfahren. Die Mischer haben, meines Erachtens, in jedem Fall noch Anschlussbedarf und müssen bis zur Ernte regelmäßig antreten.

Welche Folgen haben, aus Ihrer Sicht, Logistikprobleme, die sich an den Häfen für Exportware gezeigt haben?

Thomas Quinders: Wie die gezogenen Exportlizenzen zeigen, stand an den Exporthäfen im Norden eine riesige Vermarktungsmenge an, die zum Teil nicht bewältigt werden konnte. Die Läger in Hamburg sind dicht und derzeit hat sich die Nachfrage beruhigt. Das zeigt sich auch daran, dass Prämien abgebaut wurden. Für Brotgetreide wurde zu Bestzeiten ein Zuschlag von bis zu 10 €/t auf die Matifnotierung gezahlt. Jetzt ist die Prämie auf Null abgeschmolzen. Der Appetit auf Neugeschäft ist gewaltig gesunken. Dass georderte Ware nicht abfließt, befürchte ich allerdings nicht. Aus Süddeutschland wird Brotweizen zum Beispiel umgelenkt und aus den Niederlanden (Rotterdam) verschifft.

Welche Faktoren bestimmen derzeit den Weizenpreis?

Thomas Quinders: Den stärksten Einfluss auf den Getreidepreis hat zurzeit die Währung. Weil der Euro schwach und der Dollar teuer ist, werden die Exporte aus Europa kontinuierlich gestützt. Auf der anderen Seite bauen sich in den USA parallel Bestände auf, die irgendwann vermarktet werden müssen. Des Weiteren bleibt abzuwarten, ob und wie lange die Politiker in Russland an den Exportbeschränkungen festhalten. Derzeit sieht es nach einer Fortsetzung, eventuell auch über den Sommer hinaus, aus. Schließlich lässt eine schlechte Ernte in der Ukraine, die aufgrund des verminderten, weil verteuerten, Einsatzes von Pflanzenschutz und Düngung erwartet wird, auf Preisimpulse schließen. Wir dürfen allerdings nicht vergessen, dass der Schwarzmeerraum in Bezug auf verfügbares Getreide immer für Überraschungen gut ist.

Die Preise werden demnach politisch geprägt?

Thomas Quinders: Ja, denn im Moment spielt die Währungsrelation Euro/Dollar eine große Rolle für die Preisentwicklung und Konkurrenzfähigkeit bei der Exportvermarktung. Beim Futtergetreidepreis hängt im Übrigen viel davon ab, wie hoch der Qualitätsgetreideanteil zur Ernte 2015 ausfällt. Bisher sind die Pflanzen gut über den Winter gekommen. Jetzt bleiben Trockenheitsfolgen im Frühjahr und andere Wettermärkte abzuwarten. Für Futterweizen gibt es derzeit franko (angeliefert) Hamburg Preise, die 2 bis 4 €/t unter den Matifnotierungen liegen.

Wie wirken sich hohe Ernten an den Getreideleitmärkten Mais und Soja aus ihrer Sicht auf den Getreidepreis aus? Was können wir für die kommende Saison erwarten?

Thomas Quinders: Die internationale Bilanz beim Getreide spricht für eine sehr gute Versorgung. Die Amerikaner verfügen über komfortable Weizenbestände. Auch die Maisbilanz hat sich sehr gut erholt. Mittlerweile kann selbst eine schlechtere Ernte im Jahr 2015/16 verkraftet werden. Von der Bohne ganz zu schweigen. Hier verfügen wir, auch historisch betrachtet, über sehr hohe Bestände. Für Europa zeichnet sich bisher, vom Entwicklungsstand der Pflanzen, eine gute Ernte ab.

Auf welche preislichen Einflussfaktoren müssen Erzeuger in den nächsten Wochen und Monaten achten?

Thomas Quinders: Natürlich spielt der Wettermarkt eine große Rolle. Wir sehen aktuell wie die Trockenheit in den USA dem Weizenpreis auf die Sprünge hilft. Dann muss die politische Landkarte beachtet werden. Das heißt, es ist zu beachten wie Russland die Weichen auf zukünftige Exportbeschränkungen stellt. Und schließlich spielt die Währung, wie bereits erwähnt, eine sehr große Rolle.

Denken Sie, dass der Euro kurzfristig wieder Aufwind erhalten könnte und wie stabil sind die aktuellen Weizenpreise?

Thomas Quinders: Vorerst sehe ich nicht, dass der Dollar schwächer und der Euro wieder stärker wird. In den USA werden die Zinsen angehoben, was den Dollar weiter stabilisieren dürfte. In Europa knabbern ständige Transferleistungen an schwächere Mitgliedsstaaten an der Währungsstabilität. Zudem suchen Anleger immer wieder nach Investitionsmöglichkeiten und steigen ein, wenn der US-Weizenpreis unter 5000 Cent/Bushel fällt.
Meines Erachtens spricht vorerst viel für die Fortsetzung eines stabilen Seitwärtstrends am Weizenmarkt. Es sei denn, die Währungsverhältnisse kippen unerwartet. Das nennt man dann Politikrisiko!

Herr Quinders, vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Brigitte Braun-Michels.