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Ertragsaussichten bleiben gut – ohne Wetterunbillen

Markt und Meinungen
11.07.2015

Internationaler Getreiderat (IGC) setzt die weltweite Weizenproduktion herauf/Preise in Europa vom Wetter gesteuert

An den Agrarmärkten bleiben die Kurse für Getreide von guten Ernten negativ geprägt. Ölsaaten erhalten von der Aussicht, dass die US-Umweltbehörde höhere Ziele bei erneuerbaren Energien vorsieht, Auftrieb. Vor Beginn der Gerstenernte liegt der Handel in Deutschland nahezu brach.

In der letzten Woche hat der internationale Getreiderat (IGC) neue Zahlen veröffentlicht. Danach soll die weltweite Weizenproduktion auf 715 Mio. t steigen. Das amerikanische Landwirtschaftsministerium (USDA) geht sogar von 719 Mio. t aus. Insgesamt soll jetzt die weltweite Produktion den Konsum decken. In der letzten Prognose hat der IGC noch ein leichtes Produktionsdefizit beziffert. Beim Mais ist der IGC pessimistischer und rechnet damit, anders als das US-Ministerium, dass der Verbrauch über der Produktion liegt und die Bestände weltweit leicht abgebaut werden. Die Reaktion auf die Prognose zeigte sich direkt mit roten Zahlen am internationalen Weizenmarkt (CBOT) und schwarzen beim Mais. Zu Beginn dieser Woche läuft Weizen wieder leicht ins Plus.

Für Europa hat zuletzt der Branchendienst Strategie Grains die Weizenproduktion auf 142,6 Mio. t geschätzt. Das wären rd. 6 Mio. t weniger, als noch im Jahr zuvor. Insgesamt liegt die Ernte damit aber noch über dem Durchschnitt. Deutschland soll 26,5 Mio. t Weizen (VJ 27,7 Mio. t), Frankreich 38 Mio. t (VJ 37,5 Mio. t), das Vereinigte Königreich 15,1 Mio. t (VJ 16,5), Polen 10,9 (VJ 11,6) und Rumänien 6,8 Mio. t (VJ 7,7 Mio. t) ernten.

Analysten halten die Schätzung der Getreideernte in Europa für zu optimistisch. In Südeuropa, z. B. Spanien, herrscht seit Wochen sehr trockenes Wetter. Auch in Ungarn, der Slowakei war es in den letzten Wochen zu trocken, so dass abzuwarten bleibt, wie hoch die Erträge in Europa tatsächlich ausfallen. Schließlich herrscht im Süden Russlands eine Hitzewelle, deren Ertragsauswirkungen sich erst noch zeigen müssen.

In Deutschland hat sich das Wetter in den letzten Wochen sehr unterschiedlich gezeigt. Im Süden und Norden hat es sehr viel geregnet, während die „Mitte“ sehr trocken geblieben ist. Es wird vermutet, dass bald Niederschläge nötig sind, damit Ertragsverluste ausbleiben. Die Ankündigung einer Hitzewelle, die am kommenden Wochenende über Deutschland hereinbrechen soll, würde die Befürchtung von Ertragseinbrüchen beim Getreide (Weizen ist gerade beim Ährenschieben) schüren.

An den Agrarmärkten bleiben die Kurse für Getreide von guten Ernten negativ geprägt. Ölsaaten erhalten von der Aussicht, dass die US-Umweltbehörde höhere Ziele bei erneuerbaren Energien vorsieht, Auftrieb. Vor Beginn der Gerstenernte liegt der Handel in Deutschland nahezu brach.

Nach Angaben des statistischen Bundesamtes ist der Sommer-/Braugerstenanbau in Deutschland um 20 000 ha auf 366 000 ha erstmals wieder gestiegen. Der Maisanbau ist in Deutschland und europaweit leicht zurück gegangen.

Der deutsche Kassamarkt verharrt kurz vor Erntestart in Totenstille. Norddeutsche Händler beschreiben, dass seit zwei Wochen keine fob (free on board, frei Schiff) – Geschäfte mehr verzeichnet werden. Das Kaufinteresse an nordeuropäischen Weizen scheint zum Erliegen gekommen zu sein. Vermutlich ist, nach Wegfall der Exportbeschränkung für russischen Weizen, die Konkurrenz aus der Schwarzmeerregion zu groß und billig.

Franko (angeliefert) Hamburg wird A-Weizen mit 187 €/t für Juni notiert. Ex Ernte bezahlen rheinische Mühlen 183 €/t franko für A-Weizen. B-Weizen ist rd. 10 €/t billiger. In Mitteldeuschland wird A-Weizen aus der alten Ernte um 170 €/t besprochen und B-Weizen um 165 €/t ab Hof. Bei Futtergerste werden für Juni Preise um 143 €/t ab Hof genannt. Erzeuger bleiben bei den gesunkenen Preisniveaus mit dem Verkauf der neuen Ernte sehr zurückhaltend. Ob das sich bewährt, ist offen.

Die Preise werden in den nächsten Wochen entscheidend vom Wetter auf der nördlichen Hemisphäre (Europa und Schwarzmeerregion) „gesteuert“. Der bisher für die neue Ernte vorteilhaften Witterung mit entsprechenden Ertragsfolgen könnten Trockenheit oder Starkniederschläge noch einen gewaltigen Strich durch die Rechnung machen.

Brigitte Braun-Michels