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Braugerstenmarkt steht unter festem Preisstern

16.07.2012

Interview mit Michael Fleischer, Geschäftsführer des Handelshauses Grainexx Hamburg, zu Preis bestimmenden Faktoren beim Braugerstenhandel 2012/13.

Herr Fleischer: In den letzten Wochen sind die Braugerstenpreise, wie der gesamte Getreidekomplex, regelrecht durch die Decke gestiegen. Wo sind, Ihrer Meinung nach, die Preistreiber zu finden?

 

"Derzeit dominieren ganz eindeutig die Wetterphänomene. Die große Trockenheit in den USA hat mit Temperaturen von über 40 Grad Celsius besonders den Maisgürtel betroffen. Ob Niederschläge die Situation verbessern können, ist mittlerweile zweifelhaft. Gleichermaßen warm ist es in der Wolgaregion, Teilen Sibiriens und einem Großteil der Ukraine.  Das amerikanische Landwirtschaftsministerium (USDA) hat in seiner aktuellen Schätzung darauf reagiert und die US-Maiserträge zur kommenden Saison scharf nach unten korrigiert. Eine Entspannung der Angebotslage bei Mais stellt sich damit nicht ein. Die weltweiten Weizenvorräte sinken zudem auf ein Vierjahrestief. Der Braugerste bewegt sich in diesem Gesamtszenario ohne Eigenleben. Man könnte sagen der Braugerstenmarkt ist ein „kleines Schiff auf einem großen Ozean, der sich im Moment mit heftigen Wellen bewegt.“

 

 

In den letzten drei Wochen sind die Weizenpreise an der Matif um rd. 50 €/t gestiegen. Marktteilnehmer befürchten  eine Preisblase, welche die Gefahr des Platzens in sich  birgt. Wie schätzen Sie das ein?

"In der Tat befinden wir uns in einer gewaltigen Preisauftriebsphase und Fonds, wie kommerzielle Marktteilnehmer bewegen ein großes Handelsvolumen an den Börsen. Wir müssen in solchen überhitzen Phasen natürlich mit Korrekturen nach unten rechnen. Allerdings würde ich nicht von einer Blasenbildung ohne Fundament sprechen. Die knappen Versorgungszahlen, sowohl beim Getreide, wie auch bei den Ölsaaten sprechen eine zu deutliche Sprache. Ich glaube, der Preisentwicklung sind nach unten „versorgungstechnisch“ Grenzen gesetzt."

Wie beziffern Sie die Versorgungslage mit Braugerste zur kommenden Saison in Deutschland und der EU? Dürfen wir nach der Flächenausdehnung, durch die Sommergerstenaussaat auf Auswinterungsflächen mit einem ausgedehnten Angebot rechnen?

"Der Anbau von Sommergerste auf ausgewinterten Weizenflächen birgt ein Eiweißrisiko. Weil die Flächen hoch mit Stickstoff angedüngt sind, könnten die Eiweißgehalte über der Norm für Braugerste liegen. Außerdem ist Durchwuchs und Zwiewuchs zu beobachten. Schließlich müssen wir abwarten, ob die anhaltenden Regenfälle Folgen in Form von Pilzbefall zeigen.  Auch in Frankreich und England verzögert sich durch die nasse Witterung die Ernte. In Skandinavien steht die Ernte später an. Unterm Strich rechne ich in der bevorstehenden Saison mit einem Überschuss in der EU  von 1,7 bis 1,8 Mio. t. Der ist recht komfortabel. Jedoch und das darf nicht vergessen werden, müssen die Mälzer und Brauer damit für 14 Monate klarkommen, weil die alte Ernte vollkommen verbraucht ist. Und es gibt noch einen Wehrmutstropfen. Futtergetreide ist so teuer, dass die Ware mit „kritischen“ Werten gleich in den Trog wandert und dem Braugerstenmarkt nicht mehr zur Verfügung steht."

Wie sieht die weltweite Versorgungssituation aus?

"In diesem Jahr dürfte Kanada am Markt mit etwa 1,6 Mio. t Futter- und Braugerste agieren. Australien und Argentinien könnten mit 3,4 – 4 Mio. t zum weltweiten Gerstenexport beitragen. Das entlastet den Markt, jedoch erst in einem halben Jahr, wenn dort geerntet wird. Außerdem setzen diese Exportpotentiale einen optimalen Vegetationsverlauf in den Ländern voraus. In Summe bleibt die weltweite Gerstenbilanz eng. Der Bedarf an Futtergetreide wird die verfügbare Braugerstenmenge spürbar begrenzen."

Wie schätzen Sie die Versorgung der Mälzer und Brauer in dieser Saison ein?

"Je nach Unternehmen fällt das sehr differenziert aus. Teilweise haben Brauer sich schon weit eingedeckt, andere haben sich sehr zurück gehalten. Ich gehe davon aus, dass für die Ernte 2012 noch ein erheblicher Bedarf aus der Verarbeitungsindustrie besteht. Mälzer, die ihre Verkäufe nicht gegengedeckt haben, müssen jetzt ordentlich bluten."

Könnte die Ernte zur Preisberuhigung beitragen?

"Natürlich kann es zu einer Preisdelle kommen, wenn die Ernte anfängt und gute Erträge deutlich werden. Jedoch halte ich das Ausmaß dieser Delle aus den oben erwähnten Gründen für begrenzt. Ich bleibe in dieser Saison für den gesamten Getreidemarkt fest gestimmt."

Herr Fleischer, vielen Dank für das Gespräch.

Das Gespräch führte Brigitte Braun-Michels