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Böden sind vom Regen satt

Markt und Meinungen
21.05.2013

Für die bevorstehende Saison sind die Ertragsaussichten in Deutschland und bei den EU-Nachbarn besser als im vergangenen Jahr.

Pflanzenbauprofi Dr. Hansgeorg Schönberger, N.U. Agrar GmbH, befürchtet für die Ernte 2013 in Deutschland Qualitätsprobleme beim Getreide, wenn der Regen anhält.
Herr Dr. Schönberger, in der vergangenen Saison waren die Getreide- und Rapsbestände europaweit ungünstigen Witterungsbedingungen ausgesetzt und die Ernte ist unterdurchschnittlich ausgefallen. Was erwartet uns bisher für die Saison 2013/14 in Deutschland?

Dr. Hansgeorg Schönberger: Beim Getreide waren die Aussaatbedingungen im Herbst 2012 überwiegend gut. Auch beim Raps gibt es in diesem Jahr relativ wenig schlecht bestellte Flächen. Um zunächst beim Raps zu bleiben. Im Frühjahr hat vereinzelt der Frost zugeschlagen. Prägnanter von der Auswirkung ist aber der Rapsglanzkäfer. Teilweise haben die Landwirte ihre Schläge nicht intensiv genug beobachtet und nicht rechtzeitig reagiert. Mitunter waren die Insektizide von der Wirkungsdauer her kürzer als offiziell angegeben. Bei guter Schlagführung dürften die Ernteergebnisse sehr gut sein. An vielen Stellen werden sich jedoch die oben genannten Einflüsse bemerkbar machen. Ich rechne bisher mit einer durchschnittlichen Rapsernte in Deutschland.
 

Wie sieht die Situation bei Weizen und Co aus?

Früh ausgesäter Weizen hat das Potential auf überdurchschnittliche Erträge. Bei späterer Aussaat (nach dem 5. Oktober) wird das Ertragspotential vermindert, weil der Wachstumszyklus deutlich kürzer ist. In dieser Saison mussten die Ackerbauern dem Getreide mit mehr N-Dünger auf die Sprünge helfen. Teilweise lag das daran, dass der Nmin-Gehalt der Böden infolge der Niederschläge sehr niedrig war. Wenn es jetzt weiter feucht bleibt, wird mit ansteigenden Temperaturen mehr Stickstoff mobilisiert und zusammen mit dem weichen Gewebe, infolge der geringen Strahlung, das Lagerrisiko erheblich erhöht. Momentan, das kann man aus dem vergleichenden Witterungsverlauf über viele Jahre erkennen, sieht es danach aus, dass wir auf ein feuchtes Jahr zugehen. Dann hätten wir in Deutschland beim Getreide eher ein Qualitäts-, als ein Mengenproblem.
 

Haben sich die Bestände unserer europäischen Nachbarn ähnlich gut entwickelt?

In Südosteuropa, zum Beispiel in Ungarn und Tschechien, zeichnet sich bisher eine überdurchschnittliche Ernte ab. Hier besteht aber ein ähnliches Lagerrisiko wie in Deutschland. Wenn der Regen in den nächsten Wochen aussetzt, werden sich die Bestände schnell erholen. In Nordfrankreich und England war es im Herbst zu trocken und jetzt ist es zu nass. Ich vermute, dass die Einbußen in Frankreich durch eine gute Ernte in Deutschland teilweise kompensiert werden können. England erfährt einen Ausgleich durch bessere Ernteergebnisse in Polen und Tschechien. Anders ist die Situation insgesamt beim Sommergetreide, das viel zu spät in den Boden gekommen ist.

Trifft das auch auf die Sommergerste zu?

Bei der Sommergerste haben wir zunächst mit einem extremen Flächenrückgang zu kämpfen. Außerdem befürchte ich Qualitätsprobleme, sprich zu hohe Stickstoffgehalte im Korn. Die Bestände sind intensiv angedüngt worden und die Böden mobilisieren jetzt bei hoher Feuchtigkeit zu viel Stickstoff. Die Wintergerste hatte im Übrigen nahezu optimale Bedingungen und dürfte sehr gute Erträge bringen. Eventuell werden wir Probleme mit dem Hektolitergewicht bekommen, wenn zu viele Körner produziert werden und die Strahlung im Sommer zu gering ausfällt.

Wie viel Getreide dürfen wir aus der Schwarzmeerregion und Russland erwarten?

Ich erwarte aus dieser Region keine Überschüsse. Das Wintergetreide konnte durch den Wintereinbruch zum Teil nicht bestellt werden. Im Frühjahr war es dann für die zeitige Aussaat von Sommergetreide zu nass. Wenn es in diesen Regionen jetzt zu trocken wird, fallen die Erträge noch geringer aus. Für Russland ist die Erntesituation bisher kaum abzuschätzen. Der Sommerweizen ist zum Großteil noch nicht im Boden und hat deshalb jetzt schon Wachstumsnachteile. Sommerweizen macht hier den weitaus größeren Anbauanteil beim Getreide aus. Die Winterweizenbestände sehen recht gut aus. Die weitere Ertragsbildung hängt von der Qualität der Bestandesführung ab.
 

Welche Wetterszenarien halten sie in den nächsten Wochen mit welchen Auswirkungen für denkbar?
Jeder Tag, an dem es jetzt weiter regnet, kostet Ertrag, weil das vegetative Wachstum zu stark gefördert und die Einlagerung ins Korn vermindert wird. Außerdem leidet die Qualität, wenn die Strahlung gering ist. Wird es in den nächsten Wochen sehr trocken, profitieren die sehr guten Standorte, die dann ausreichendes Wasserreservoir zur Verfügung haben. Schlechte Standorte können höchstens zwei trockene Wochen ohne Einbußen verkraften. Momentan ist die Wassersättigung des Bodens optimal. Alles, was jetzt noch kommt, ist eher zu viel weil, wie oben erklärt, das Lagerrisiko enorm steigt. Zu Deutsch: Noch mehr Regen können wir jetzt, mit Ausnahme des Nordens Deutschlands, nicht verkraften.
 

Das Gespräch führte Brigitte Braun-Michels.