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Agrarrohstoffe werden kurzfristig nicht so knapp, wie vermutet

Markt und Meinungen
12.03.2013

Manuela Kuhl, Rohstoffanalystin bei der Commerzbank, vermutet, dass durch zusätzliche Flächen und eine höhere Produktivität der Nahrungsmittelknappheit vorerst begegnet werden kann.

Im Interview erläuterte sie, dass mit der Biokraftstoffproduktion ein hohes Politikrisiko verbunden ist.
Frau Kuhl, was sind Ihrer Meinung nach, neben den fundamentalen Faktoren, also den produzierten Mengen und der Nachfrage, wichtige Einflussfaktoren für die Preisbildung bei den Agrarrohstoffen?

Manuela Kuhl: Da gibt es unterschiedliche Aspekte. Die Preisentwicklung bei Rohstoffen insgesamt ist natürlich abhängig von der Weltkonjunktur, also der wirtschaftlichen Situation. Hier gibt es deutliche Korrelationen. Das ist auch nachvollziehbar, und auch die Nachfrage nach Agrarprodukten wird von der Wirtschaftssituation beeinflusst. In einigen Bereichen – etwa der in Konkurrenz zu Rohöl stehenden Ethanolproduktion – ist dies stärker der Fall als in anderen – etwa der Nachfrage nach Getreide zu Nahrungszwecken. Dann gibt es die Wechselkurse. Ist der Dollar schwächer, dann wird z.B. US-Weizen am internationalen Markt konkurrenzfähiger, da er sich in ausländischer Währung verbilligt. Dies zieht Nachfrage an, was zu einem Anstieg der Dollar-Notierungen führt. Das Gleiche trifft für den Euro-Raum zu. Notiert der Euro schwach, wird EU-Getreide am Weltmarkt zunächst einmal billiger. Das steigert die Nachfrage und hebt den Preis vor Ort.
Innerhalb der Produktmärkte dürfen wir die starken Substitutionsbeziehungen nicht vergessen. Ist zum Beispiel Mais knapp und steigt im Preis, wird das auch die Weizennachfrage und damit dessen Preis beeinflussen. Denn Weizen kann, wie Mais, im Futtertrog verwendet werden. In dieser Saison war Mais wegen des knappen Angebotes aus den USA Preistreiber für den gesamten Getreidekomplex.
 

Hat sich die lockere Geldpolitik der Zentralbanken in den USA und in Europa auch auf die Preise der Agrarrohstoffe ausgewirkt?

Manuela Kuhl: Ja, auch hier können wir eine Verbindung feststellen. Wenn viel Geld zur Verfügung steht, wird das in allen Marktbereichen investiert, so auch auf dem Rohstoffmarkt. Doch Vorsicht: Wenn die Liquidität wieder eingesammelt wird, hat das auch einen dämpfenden Effekt auf die Rohstoffpreise.
 

Geben die stabilen Preise für die Agrarrohstoffe auch Inflationsängste wieder?

Manuela Kuhl: Das glaube ich weniger. Inflationsängste schlagen sich eher bei den Edelmetallen nieder. Die Entwicklung des Goldpreises ist dafür ein gutes Beispiel.
 

Würde sich eine neue Finanzkrise auch wieder nachhaltig auf die Agrarrohstoffpreise auswirken?

Manuela Kuhl: Kurzfristig ist das sicherlich der Fall. Das haben wir bei der letzten Finanzmarktkrise eindeutig erlebt. Krisen in der Wirtschaft haben auch Einfluss auf die Nahrungsmittelpreise. Bei den Grundnahrungsmitteln ist die Nachfrage allerdings sehr viel unelastischer als zum Beispiel bei Industriemetallen. Gegessen wird immer, deshalb bleibt der Grundbedarf immer erhalten. Allerdings kann in Krisen, aufgrund der erschwerten Finanzierungsbedingungen, auch das Angebot leiden.

Werden die Agrarpreise auch in Zukunft hoch bleiben, weil das Angebot für die weiter wachsende Nachfrage zu niedrig ist?

Manuela Kuhl: Dazu gibt es Prognosen von der FAO. Vor allem durch Produktivitätssteigerungen und zu einem geringeren Teil durch Flächenerweiterung in den Entwicklungsländern wird das Problem entschärft. Die FAO geht deshalb bis 2030 von einem Getreidepreisniveau aus, das sich real unter dem Niveau von 2006/2008 befindet. Auch möglichen Auswirkungen des Klimawandels messen Fachleute mittelfristig nur einen moderaten Einfluss auf die Produktionsmenge zu. Allerdings gibt es regional große Unterschiede.
Längerfristig wird der Klimawandel jedoch einen größeren negativen Einfluss auf die Produktivität haben. Vergessen werden darf auch nicht der Einfluss der Biokraftstoffe: Mais wird in den USA zu knapp 40 % für Ethanol verwendet. Brasilianisches Zuckerrohr wandert zu mehr als 50 % in die Biokraftstoffproduktion und EU-Pflanzenöl zu fast 70 %. Sollten sich die politischen Weichen in Zukunft ändern, hätte dies erhebliche Auswirkungen auf das Preisniveau von Agrarrohstoffen. International dürfte aber das Maximum der Biokraftstoffproduktion noch lange nicht erreicht sein.

Wie werden die Preise langfristig beeinflusst?

Manuela Kuhl: Angebot und Nachfrage bilden immer die Grundlage für die Preisbildung. Dabei können schon sich ändernde Erwartungen über diese Größen zu starken Preisausschlägen führen. Langfristige strukturelle Einflüsse ergeben sich durch das globale Bevölkerungswachstum, die Umstellung der Essgewohnheiten und steigende Produktionskosten. Daneben führen auch eine Vielzahl kurz- und mittelfristiger Faktoren auch von außerhalb der Agrarmärkte zu Schwankungen bei den Agrarpreisen. Das wird unseres Erachtens auch in Zukunft so bleiben.

Wie beurteilen sie den Anteil der Spekulation an der Höhe der Agrarpreise?

Manuela Kuhl: Einmal abgesehen von der laufenden Diskussion um den Einfluss von Spekulation können wir in den letzten Monaten an den Rohstoffmärkten etwas ganz anderes feststellen: Aktienmärkte und Rohstoffe laufen auseinander. In den USA hat man z.B. beobachtet, dass große Pensionsfonds ihr Rohstoffgeschäft reduziert haben. Dies dürfte in erster Linie mit einer gegenüber Aktien schwachen Performance vieler Rohstofffonds zu tun haben, weniger mit der politischen Diskussion um eine stärkere Kontrolle des Handels mit Agrarrohstoffen.
 

Vielen Dank für das Gespräch

Brigitte Braun-Michels