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Studie: Welche Versicherungen brauchen Landwirte?

Agrar News
31.12.2014

Interview mit Professor Ludwig Theuvsen von der Agrarfakultät Göttingen

Landwirtschaftliche Erzeuger sparen mitunter an der falschen Stelle. Versicherungen bei Tierseuchen und für die persönliche Absicherung sind oft unzureichend. Dies sind Ergebnisse einer Studie von Professor Ludwig Theuvsen von der Agrarfakultät Göttingen.

Professor Ludwig Theuvsen, in einer Studie befassen sie sich damit, wie landwirtschaftliche Unternehmer sich persönlich und ihre Unternehmen absichern. Was sind die wichtigsten betrieblichen Versicherungen?

Prof. Ludwig Theuvsen: Versicherungen sind ein wichtiger, im Alltag manchmal unterschätzter Bestandteil des Risikomanagements landwirtschaftlicher Betriebe. Sie gehören aber in jeden Fall dazu! Dass Landwirte ebenfalls dieser Auffassung sind, zeigen unsere Untersuchungen, sowohl in den alten wie den neuen Bundesländern: Praktisch alle Betriebe haben Gebäude- und Betriebshaftpflichtversicherungen abgeschlossen. Auf den nächsten Plätzen folgen Inventar-, Hagel-, Umwelthaftpflicht- und Rechtsschutzversicherungen. Bei den zuletzt genannten sind sich die Landwirte allerdings schon nicht mehr ganz einig über deren Bedeutung. Hier haben – je nach Region und Betriebsgröße – nur etwa 60 bis 80 Prozent der Unternehmer Versicherungen abgeschlossen. Über 90 Prozent der Landwirte sind insgesamt davon überzeugt, ausreichend versichert zu sein.

Auf welche Versicherungen legen Ackerbauern besonderen Wert?

Prof. Ludwig Theuvsen: Ackerbaubetriebe haben meist das zuvor genannte Spektrum an Versicherungen abgeschlossen. Anspruchsvollere Lösungen wie Mehrgefahrenversicherungen oder indexbasierte Versicherungen, etwa gegen Wetterrisiken, haben es im deutschen Versicherungsmarkt bislang sehr schwer. Sie spielen dementsprechend gegenwärtig praktisch keine Rolle. Es sind aber Entwicklungen im Markt zu erkennen, das Thema Mehrgefahrenversicherungen erneut auf die Tagesordnung zu setzen.

Was benötigen Betriebe mit Tierproduktion?

Prof. Ludwig Theuvsen: Tierhaltende Betriebe schließen insgesamt mehr Versicherungen ab, da sie zum einen die Versicherungen benötigen, über die auch Ackerbaubetriebe verfügen. Zum anderen haben sie – zumindest teilweise – spezielle Versicherungen für den Tierbereich abgeschlossen. Dazu gehören Ertragsschaden-, Tierlebend- oder Weidetierversicherungen. Allerdings verfügten in unseren Untersuchungen nur 46 Prozent der Tierhalter über derartige Versicherungen. Die übrigen Betriebe scheinen auf die Tierseuchenkassen zu vertrauen. Diese Hoffnung kann allerdings trügerisch sein, da die Tierseuchenkasse nur den sogenannten gemeinen Wert ersetzt. Auf allen weiteren Schäden, zum Beispiel bei einem Tierseuchenausbruch mit längerfristig schlechteren biologischen Leistungen, bleiben die Betriebe dann „sitzen“.

Sind landwirtschaftliche Betriebsleiter in Bezug auf ihre persönliche Absicherung ausreichend „versorgt“?

Prof. Ludwig Theuvsen: Für Landwirte steht das Unternehmen an erster Stelle. Privates wird oftmals zurückgestellt. Zwar werden private Unfall-, Berufsunfähigkeits- und Risikolebensversicherungen abgeschlossen. Allerdings zeigt sich in unseren Untersuchungen, dass dies kaum mehr als zwei Drittel der Landwirte tun. Daher kommt es zu Lücken bei der Absicherung privater Risiken. Ähnlich sieht es bei der privaten Altersvorsorge, etwa in Form des Abschlusses von Kapitallebensversicherungen, aus. In einigen Fällen mag es am Bewusstsein für die Notwendigkeit entsprechender Versicherungen mangeln. In anderen Fällen könnten es auch finanzielle Grenzen der Betriebe sein, die eine bessere private Absicherung der Landwirte verhindern.

Sind, aus Ihrer Sicht, die Erzeuger ausreichend über versicherungstechnische Notwendigkeiten informiert?

Prof. Ludwig Theuvsen: Den Landwirten stehen, nach unserer Einschätzung, genügend Informationen zur Verfügung. Einschränkungen gelten aber für speziellere Versicherungen, etwa Ertragsschadenversicherungen im Tierbereich. Oft scheint der Verzicht auf Versicherungen auch kein Informationsproblem zu sein. Vielmehr wird zum Teil keine Notwendigkeit dafür gesehen. Für Tierverluste kommt – so die Meinung vieler Landwirte – die Tierseuchenkasse auf. Ertragsschadenversicherungen haben es daher relativ schwer im Markt. Ähnlich ist es mit der Absicherung von Unfallgefahren, bei denen man auf die Berufsgenossenschaften vertraut und auf ergänzende private Versicherungen häufig verzichtet.

Gibt es zwischen größeren und kleineren Unternehmen einen Unterschied beim Risikomanagement?

Prof. Ludwig Theuvsen: Teilweise ja, speziell bei den Versicherungen im Tierbereich. Spezialisierte, größere Betriebe mit Tierhaltung sind, so unsere Ergebnisse, tendenziell besser mit speziellen Versicherungen für den Tierbereich ausgestattet als kleine, oftmals stärker diversifizierte Betriebe. Diese finden wir häufig noch in Süddeutschland vor. Zum Teil sind die Unterschiede nachvollziehbar. Allerdings entsteht mitunter der Eindruck, dass kleinere Betriebe die Prämien für einen umfassenden Versicherungsschutz nicht immer zahlen können und daher bewusst „auf Lücke“ setzen müssen. Trotzdem spielen gerade auch für kleinere Betriebe Versicherungen insgesamt eine wichtige Rolle in ihrem Risikomanagement.

An welchen Stellen sollten die Versicherer aktiver werden? Gibt es Leistungen, die besonders herausragen?

Prof. Ludwig Theuvsen: Handlungsbedarf besteht vor allem bei speziellen Versicherungen, etwa Ertragsschadenversicherungen für tierhaltende Betriebe. Hier sind teilweise noch Informationsdefizite auf Seiten der Landwirte festzustellen. Ähnliches gilt beispielsweise für die Absicherung von Unfallgefahren und Berufsunfähigkeit. Nach Aussage von Versicherungen werden hier immer wieder bedeutsame Lücken im Versicherungsschutz angetroffen, da es am entsprechenden Problembewusstsein oder Informationen fehlt.

Wo und wie können sich landwirtschaftliche Unternehmer Transparenz im Versicherungsdschungel verschaffen?

Prof. Ludwig Theuvsen: Der Agrarbereich und der landwirtschaftliche Familienbetrieb stellen besondere Anforderungen an Versicherungen. In Deutschland hat eine Reihe von Versicherungsunternehmen diese Herausforderung erkannt und entsprechende Produkte entwickelt. Nicht immer wird der Außendienst mit den notwendigen (landwirtschaftlichen) Fachkompetenzen ausgestattet. Unsere empirischen Untersuchungen zeigen: Landwirte bevorzugen eher traditionelle Vertriebswege, etwa die Ansprache durch Versicherungsagenturen und -makler. Sie schätzen es, wenn ihre Ansprechpartner sich in der Landwirtschaft auskennen und zum Beispiel den aktuellen Weizen- oder Schweinepreis benennen können.

Gibt es auch Bereiche, wo landwirtschaftliche Unternehmen überversichert sind?

Prof. Ludwig Theuvsen: Viele, wenn auch nicht alle landwirtschaftlichen Betriebe sind nach unserem Eindruck gut, aber nicht überversichert. Landwirte sind scharf kalkulierende Unternehmer. Das Risiko von Überversicherungen ist daher bei ihnen sehr viel geringer als bei vielen Privatpersonen.

Herr Professor Theuvsen, vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Brigitte Braun-Michels.

In unserer Serie „Versicherungen in der Landwirtschaft“ stellen wir einzelne Versicherungen genauer dar. Diese Beiträge lesen Sie in den nächsten Tagen online.

Weitere Beiträge zum Thema „Versicherungen in der Landwirtschaft“:

  1. Gebäudeversicherungen für landwirtschaftliche Betriebe
  2. Betriebshaftpflicht in der Landwirtschaft
  3. Maschinenversicherungen für landwirtschaftliche Maschinen
  4. Wetter-Risikomanagement durch Mehrgefahrenversicherungen