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Debatte um Gentechnik geht weiter

Aktuelles Mais
10.07.2014

Für und Wieder der Nutzung der Grünen Gentechnik

Mit der Diskussion um die EU-Zulassung der gentechnisch veränderten Maissorte 1507, die unter anderem ein Bt-Protein gegen den Maiszünsler produziert, ist in Deutschland wieder eine Debatte entbrannt.

Lesen Sie Teil 2 des Gesprächs mit Bettina Sanchez-Bergmann vom Bundesverband Deutscher Pflanzenzüchter (BDP) e.V. über das Für und Wieder der Nutzung der Grünen Gentechnik.

Werden deutsche Landwirte auf Dauer ohne grüne Gentechnik vom Zuchtfortschritt abgehängt?

Bettina Sanchez-Bergmann: Auch ohne Grüne Gentechnik wird es weiterhin Zuchtfortschritt geben. Die Grüne Gentechnik ist nur eine Methode im Werkzeugkasten der Pflanzenzüchter. Die Züchter arbeiten weiterhin an der Entwicklung neuer Sorten und an der Verbesserung der Züchtungsmethoden. Sie sind aber auch zukünftig auf technische Neuentwicklungen angewiesen und sollten jedes zur Verfügung stehende Verfahren nutzen können, um für die Bedürfnisse der Landwirtschaft angepasste Sorten zu entwickeln. Eine Ablehnung einzelner Methoden aus ideologischen Gründen ist aus unserer Sicht nicht akzeptabel.

Kann die Grüne Gentechnik den Hunger in der Welt reduzieren?

Bettina Sanchez-Bergmann: Die Grüne Gentechnik als Allheilmittel im Kampf gegen den Hunger in der Welt zu sehen, wäre unrealistisch. Dennoch muss sich die Menschheit den immer drängender werdenden globalen Herausforderungen mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln und Methoden stellen. Die Gentechnik kann einen Teil dazu leisten, diesen Herausforderungen zukünftig zu begegnen, zum Beispiel bei der Entwicklung trockentoleranter Pflanzen oder bei der Bekämpfung von Mangelernährung. Erste vielversprechende Ansätze, wie den „Golden Rice“, gibt es bereits. Leider wird auch dieser humanitäre Ansatz von Gentechnikkritikern in massiver Weise, bis zur Zerstörung von Versuchsfeldern, bekämpft. Durch dieses Vorgehen wird die Zulassung des Golden Rice seit Jahren verzögert.

Sind Bedenken hinsichtlich möglicher Gesundheitsrisiken gentechnisch veränderter Produkte aus Ihrer Sicht gerechtfertigt?

Bettina Sanchez-Bergmann: Gibt es wirklich gesundheitliche Risiken? Vor der Zulassung einer gentechnisch veränderten Pflanze in der EU wird sie auf Herz und Nieren auf ihre Sicherheit, sowohl für den menschlichen und tierischen Verzehr, als auch im Hinblick auf mögliche Auswirkungen auf die Umwelt, überprüft. Nur wenn hierbei kein Risiko erkennbar ist, wird sie überhaupt zugelassen. Kein anderes (konventionelles) Lebensmittel durchläuft ein so strenges Zulassungsverfahren wie gentechnisch veränderte Produkte. Seit 1996 werden in den USA GV-Pflanzen angebaut und verzehrt, ohne dass sich hieraus stichhaltige Hinweise auf Gesundheitsrisiken ergeben hätten. Es gibt keine Studie, die solche Risiken zugelassener gv-Produkte für die menschliche Ernährung belegen. Auch die öffentliche Biosicherheitsforschung mit gentechnisch veränderten Pflanzen in Deutschland hat keinerlei Bedenken hinsichtlich der Sicherheit der zugelassenen gentechnisch veränderten Pflanzen bestätigen können.

Ist der ökonomische Nutzen von Gentechnikpflanzen unumstritten?

Bettina Sanchez-Bergmann: 2013 wurden gentechnisch veränderte Pflanzen weltweit auf 175 Millionen Hektar in 28 Ländern angebaut. 18 Millionen Landwirte nutzen die Technologie, davon mehr als 90 Prozent Kleinbauern. Ohne einen ökonomischen Nutzen für den jeweiligen Landwirt wäre eine Verbreitung gentechnisch veränderter Pflanzen nicht möglich. Auch Landwirte sind Unternehmer und entscheiden sich für die Produkte, die für ihre Betriebe am erfolgversprechendsten erscheinen.

Generell hängt es von vielen Faktoren ab, ob durch die Nutzung gentechnischer Pflanzen ein ökonomischer Vorteil erzielt werden kann. Hierbei spielen unter anderem regionale Unterschiede eine Rolle, aber auch die Verbraucherakzeptanz und die damit verbundenen Absatzmärkte. Zahlreiche Untersuchungen über die Auswirkungen des Anbaus gentechnisch veränderter Pflanzen auf die Landwirtschaft unterstreichen deren ökonomischen Nutzen.

Teile Sie die Bedenken, dass beim Anbau von gentechnisch veränderten Pflanzen Resistenzen entstehen?

Bettina Sanchez-Bergmann: Es gibt Berichte über die Entstehung herbizid-resistenter Unkräuter beim Anbau von gv-Pflanzen. Das ist richtig. Solche Resistenzen sind allerdings nicht nur eine Folge des Anbaus gentechnisch veränderter Pflanzen: Sie können generell auf allen Feldern auftreten, auf denen über längere Zeit hinweg immer das gleiche Herbizid verwendet wurde. Die Hersteller empfehlen daher einen regelmäßigen Wechsel der Wirkstoffe. So können ungewollte Resistenzen vermieden werden. Auch Schadinsekten können per se Resistenzen gegen die gegen sie wirksamen gentechnisch veränderten Bt-Pflanzen entwickeln. Auch dies lässt sich durch die entsprechende gute fachliche Praxis verhindern, indem beispielsweise geeignete Bt-freie Rückzugsgebiete für Insekten angeboten werden.

Wo sehen Sie die Gentechnik im Jahr 2020?

Bettina Sanchez-Bergmann: Weltweit wird die Nutzung der Grünen Gentechnik sicherlich in den kommenden Jahren weiter zunehmen. Immer mehr Länder betreiben auch intensiv eigene Forschung in diesem Bereich. Obwohl die Grüne Gentechnik ihre Geburtsstunde in Deutschland hatte und deutsche Forscher jahrelang führend auf diesem Gebiet waren, sind wir mittlerweile abgehängt. Dennoch sind auch in Deutschland Produkte, die mithilfe der Grünen Gentechnik hergestellt wurden, bereits jetzt Realität. Ob in Geldscheinen, Kleidung oder Textilien – in den meisten sind Fasern gentechnisch veränderter Baumwolle enthalten. Rinder, Schweine und Hühner fressen Futtermittel aus gentechnisch veränderter Soja. Eine 100-prozentige GVO-Freiheit gibt es bereits heute nicht mehr. Vor dem Hintergrund globaler Märkte wird es, aus meiner Sicht, zukünftig für die EU und auch für Deutschland immer schwieriger, eine Ablehnung der Technologie aufrecht zu erhalten.

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Brigitte Braun-Michels.
 

Teil 1 des Interviews lesen Sie hier.