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Sachgemäße und effiziente Applikationstechnik im Kartoffelbau

Aktuelles Kartoffeln
11.04.2018
Applikationstechnik im Kartoffelbau

Die sachgerechte Anwendung von Pflanzenschutzmitteln hat einen hohen Stellenwert für den Schutz von Anwender und Umwelt. Vor dem Hintergrund einer zunehmend auch kritischen öffentlichen Diskussion über den Einsatz von chemischem Pflanzenschutz wird ihre Bedeutung weiter wachsen. Im Folgenden diskutieren Harald Kramer von der Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen und Jens Luckhard, Leiter Anwendungstechnik bei Syngenta, welchen Beitrag die Applikationstechnik leisten kann.

 

 

Herr Kramer, wir stehen am Anfang der neuen Kartoffelsaison. Worauf ist aus Sicht der Applikationstechnik zuerst zu achten?

Die sachgerechte Anwendung von Pflanzenschutzmitteln fängt beim Legen der Kartoffeln an. Zum Einsatz dürfen nur geprüfte Geräte kommen, egal ob zur Knollenbehandlung oder zur Furchenbehandlung mit Ortiva. Aus der Erfahrung der letzten beiden Jahre gab es immer wieder Probleme bei einzelnen Legegeräten. Zu nennen sind vor allem zu geringe Pumpenleistungen und folglich die kaum stattfindende Rührwirkung, eine ungleichmäßige Ausbringung durch falsche Düsenfilter, Verstopfungen bei schlecht gereinigten Geräten oder auch Punkteinträge von Pflanzenschutzmitteln durch Abtropfen während des Straßentransportes.

Herr Luckhard, Syngenta hat sich mit dem Thema Furchenapplikation auch aus applikationstechnischer Sicht intensiv beschäftigt. Welche Fragen standen im Mittelpunkt?

Wir befassen uns schon seit Jahren mit der Optimierung von Applikationstechniken in verschiedenen Kulturen. Im Zusammenhang mit der Furchenapplikation gibt es eine Reihe an Veröffentlichungen (Anmerkung der Redaktion: Lesen Sie dazu auch Furchenapplikation mit Ortiva). Hier weisen wir insbesondere auf die sorgfältige Auswahl und Einstellung der Düsen und auf ausreichende Wassermengen von mindestens 200 l/ha hin. Letzteres ist für Wirkung und Verträglichkeit essentiell. Zum sachgerechten Einsatz gehört auch, dass die Pflanzenschutzgeräte, die bei Beizung oder Furchenapplikation zum Einsatz kommen, der dreijährigen Gerätekontrolle unterzogen werden.

Herr Kramer, welche Fragen zur Applikationstechnik kommen bei Ihnen an?

Fragen zur richtigen Düsenauswahl stehen vorne an. So sind Injektordüsen in der Beratung gesetzt, nicht zuletzt aufgrund der Driftreduzierung. Das jeweilige Produkt wird genau dort appliziert, wo es seine Wirkung entfalten soll. Eine unkontrollierte Abdrift in Nachbarkulturen wird so wirksam vermieden. Für Herbizidapplikationen ist die Syngenta 130-05 Vorauflaufdüse meistens ein Thema, um der Auflage für Prosulfocarb-haltige Produkte (300 l/ha, 90 % Abdriftminderung bei max. 7,5 km/h) gerecht zu werden. Des Weiteren taucht die Frage auf, ob eine aktive Luftunterstützung, wie bei der Hardi Twin Force, Vorteile bringt. Nach unseren Erfahrungen kann man mit dieser Technik der Zeitraum für Applikationen verlängert werden. Insbesondere bei ungünstigen Witterungsverhältnissen, wie zunehmendem Wind, erlaubt diese Technik beispielsweise noch den Abschluss einer Phytophthora-Behandlung, wenn diese mit anderer Technik bereits abgebrochen werden muss.

Kartoffelexperte Harald KramerHarald Kramer ist Spezialberater Anwendungstechnik bei der Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen. Er beschäftigt sich unter anderem mit Fragestellungen im Zusammenhang mit dem Kartoffel- und Spezialkulturenanbau im Rheinland.

Herr Luckhard, bleiben wir bei den Herbizid-Anwendungen, die in Kürze anstehen. Wo sehen Sie die größten Herausforderungen?

Der richtige Behandlungstermin ist von sehr großer Bedeutung und wird in der Regel vom Unkrautspektrum und der Kulturverträglichkeit der Herbizide bestimmt. Bei den meisten Bodenherbiziden muss der Vorauflauf unbedingt eingehalten werden, da es sonst zu deutlichen Schäden an den Kartoffeln kommen kann. Diese fehlende Flexibilität ist bei Bodentrockenheit ein Problem. Deutlich flexibler ist die Kombination Prosulfocarb und Metribuzin, die einen Einsatz noch unmittelbar vor dem Durchstoßen erlaubt. Hier besteht auch zu diesem Zeitpunkt eine gute Kulturverträglichkeit. Der längere Einsatzzeitraum erlaubt es dann auch, auf Bodenfeuchtigkeit zu warten, um die Wirkungssicherheit zu erhöhen.

Wichtig ist auch der Schutz von Nichtzielbereichen wie zum Beispiel Gewässern oder Saumbiotopen oder der umsichtige Einsatz in direkter Nachbarschaft zu sensiblen Kulturen wie zum Beispiel Gemüse, Kräuter und andere Sonderkulturen.

Herr Kramer, der Schutz der Nicht-Zielbereiche ist von größter Bedeutung. Welchen Beitrag kann die Applikationstechnik leisten?

Eine Vorauflaufbehandlung mit der Syngenta 130-05 Düse mit 300 l/ha Wasser bei 7,5 km/h und 2,5 bar Spritzdruck sichert eine nahezu abdriftfreie Ausbringung. Der Praktiker kann mit dieser Düse die Fahrgeschwindigkeit bis zu 7,5 km/h voll ausreizen. Bei vielen Düsen, wie sie im Ackerbau gängig sind, zum Beispiel der IDKN 120 04 wird das schwierig. Hier muss die Auflage berücksichtigt werden, mit 3,7 km/h zu fahren und 1 bar Spritzdruck, um die 90 % Driftminderungsklasse zu erzielen. Daher greifen viele Praktiker auf die Vorauflaufdüse zurück. Hier haben sie den Vorteil der Fahrgeschwindigkeit und können diese auch perfekt als Flüssigdüngerdüse einsetzen.

Herr Luckhard, bei der Anwendung der Herbizide Arcade, Boxer und Boxer Sencor liquid Pack müssen Anwendungsbestimmungen beachtet werden. Welche sind diese?

Die genannten Produkte enthalten alle den Bodenwirkstoff Prosulfocarb. Er wird von vielen Betrieben aufgrund seines breiten Wirkungsspektrums, seiner guten Verträglichkeit und hohen Einsatzflexibilität eingesetzt. Faktisch gibt es kaum Alternativen im Kartoffelbau, die alle diese Vorteile erfüllen. Wir beraten Landwirte sehr eindringlich, die Auflagen bezüglich Fahrgeschwindigkeit, maximaler Windgeschwindigkeit, Mindestwassermenge und abdriftmindernder Düsen einzuhalten. Der Einsatz der bereits genannten Syngenta 130-05 Düse kann hier einen wesentlichen Beitrag leisten.

Herr Kramer, welche Hinweise können Sie für den Fungizideinsatz in Kartoffeln geben?

Bei Fungizidapplikationen stellt sich die Frage, ob sie mit einer Düse oder mit zwei unterschiedlichen Düsentypen erledigt werden sollen. Hier ist ein klarer Trend zur Flachstrahlinjektordüse zu erkennen, wie zum Beispiel hin zur ID 3, Ai oder TurboDrop. Das sind lange Injektordüsentypen, die einen Mindesteinsatzdruck von 4 bar oder mehr benötigen oder zu IDKN, Airmix oder AIXR, die schon bei 2-3 bar „arbeiten“.

Soll eine Doppelflachstrahldüse eingesetzt werden, so sehen wir diese eher als Ergänzungsdüse bei der Krautfäule-Bekämpfung, da sie im Bereich des Neuaustriebes im Vergleich zu einer Flachstrahldüse durchaus bessere Beläge anlagern kann. Wenn es um Stopp-Spritzungen geht, würde ich die Flachstrahlinjektordüse bevorzugen, die tiefer in die Bestände eindringen kann.

Herr Kramer, wie sehen Sie generell das Thema abdriftmindernde Düsen?

Alle Injektordüsen sollten auf ihre abdriftmindernde Wirkung geprüft werden, da die meisten Produkte heute eine solche fordern. Die Praxis hat auch gezeigt, wenn man mit einer mindestens 50 % driftmindernden Einstellung fährt, kommt das Produkt auch zur Zielfläche und verdriftet nicht. Das bedeutet bares Geld und Wirkungsabsicherung durch abdriftmindernde Technik. Daher meine Empfehlung, abdriftmindernde Düsen einzusetzen, auch wenn die jeweiligen Auflagen eines Produkts dies (noch) nicht zwingend vorschreiben.

Kartoffelexperte Jens LuckhardJens Luckhard leitet seit mehreren Jahren das Team Applikationstechnik und –service bei Syngenta Agro in Maintal. In umfangreichen Versuchen in verschiedenen Kulturen beschäftigt sich die Gruppe mit Fragestellungen zur Vermeidung von Abdrift von Pflanzenschutzmitteln.

Herr Luckhard, Syngenta beschäftigt sich auch in Versuchen intensiv mit Fragen der Applikationstechnik. Welche Fragestellungen sind dies aktuell?

Die abdriftmindernde Technik wirft bei Praktikern und Beratern häufig die Frage auf, ob mit grobtropfiger Applikation die gewohnte Wirksamkeit der eingesetzten Pflanzenschutzmittel erreicht werden kann. Genau darauf ausgerichtet führen wir Großflächenversuche mit Praxisgeräten durch. Ausgestattet mit moderner abdriftreduzierender Technik werden Vergleiche im Feld durchgeführt. Dabei kommen unterschiedliche Verfahren wie beispielsweise mit und ohne Luftunterstützung und variable Applikationsparameter wie Wassermengen und Fahrgeschwindigkeiten in die Prüfung. Belagsmessungen an verschiedenen Zielbereichen der Pflanzen werden durchgeführt und Wirksamkeitsbonituren nach EPPO erhoben. Die Ergebnisse münden dann in Anwendungsempfehlungen in der Beratung und auf den Etiketten der Pflanzenschutzmittel.

Herr Kramer, worauf sollten Kartoffelanbauer im Zusammenhang mit der Applikationstechnik verstärkt achten?

Die Abstandsauflagen müssen ernst genommen werden, denn daran hängt die Mittelzulassung und Akzeptanz in der Öffentlichkeit. Und wir gewinnen beim Einsatz von Injektordüsen eher noch ein Plus an Wirkungssicherheit, auch wenn einige Anbauer immer noch an einer feintropfigen Düse hängen. Doch was bringt ein feiner Tropfen, wenn er nicht anlagert? Hier kann gegebenenfalls der Einsatz einer Spritze mit aktiver Luftunterstützung (Hardi Twin Force bzw. Dammann ANPA) helfen. Gerade das Hardi System zeigt neben der Ausdehnung des Spritzzeitraums auch immer wieder eine bestandesöffnende Wirkung während des Einsatzes. Ob ich diese immer benötige, muss jeder für sich selbst entscheiden, denn solch eine Technik muss auch bezahlt werden. Zudem bringen Zusatzausrüstungen wie Luftunterstützung weiteres Gewicht auf das Gestänge.

Ausschlaggebend bleibt aber nach wie vor, seine Bestände gut zu kennen und entsprechend der Witterung den richtigen Zeitpunkt der Behandlungen zu erkennen.

 

Vielen Dank für das interessante Gespräch.