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Kartoffelproduktion in Polen: Marktentwicklungen im Zeitraffer

Aktuelles Kartoffeln
06.02.2017

Kartoffelexperten im Gespräch: Interview mit Robert Roszewski (Geschäftsführer der Solana Polska Sp.z o.o.) und Przemislaw Urbaniak (Technischer Kulturexperte Kartoffeln, Syngenta).

Robert Roszewski Robert Roszewski ist Geschäftsführer der Solana Polska Sp.z o.o., einer Tochter der SOLANA GmbH & Co.KG, Deutschland. Er organisiert mit seinem Team die Pflanzgutvermehrung sowie den Vertrieb von Kartoffelpflanzgutes von Sorten der SOLANA GmbH. Herr Roszewski ist seit 2003 in der Kartoffelbranche Polens tätig.

Herr Roszewski, mit dem Fall des „Eisernen Vorhangs“ und letztlich dem Beitritt Polens zur EU wurden vielschichtige Veränderungen ausgelöst, so auch in der Landwirtschaft. Wenn Sie zurückschauen, welches sind für Sie die herausragendsten Entwicklungen?

Augenfällig ist der dramatische Rückgang der Kartoffelanbaufläche. 1990 wurden auf ca. 1.8 Mio. ha Kartoffeln angebaut. Diese Fläche ist größer als die aktuelle Kartoffelanbaufläche der EU-28. Seitdem ist die Kartoffelfläche kontinuierlich zurückgegangen. Begleitet wurde diese Entwicklung von der Professionalisierung der Anbaumethoden sowie einem damit verbundenen Strukturwandel.

Was sind die Gründe für den starken Flächenrückgang und wie hat sich der Wandel im Detail vollzogen?

Die große Kartoffelanbaufläche vor 1990 erklärt sich einerseits aus dem vergleichsweise hohen pro Kopf Verbrauch, andererseits aus einer sehr klein strukturierten Produktion auf geringem Ertragsniveau, sowie der damals stark verbreiteten Nutzung als Futterkartoffeln. Mit dem Eintritt in die EU wurden dann wettbewerbsbedingte Anpassungen innerhalb eines vergleichsweise kurzen Zeitraumes erforderlich. Dazu zählte insbesondere die Einstellung des Anbaus für Futterzecke sowie Brennerei.

Daneben war es notwendig, Erträge bzw. die Produktivität der Kartoffelproduktion zu steigern. Die ist erfolgt durch Intensivierung der Produktion mit dem gezielten Einsatz von Dünger, Pflanzenschutzmitteln sowie Investitionen in Maschinen und Lagerung.

Przemislaw Urbaniak Przemislaw Urbaniak ist Technischer Kulturexperte Kartoffeln bei Syngenta. Er ist fachlich verantwortlich für alle Fragen rund um das breite Kartoffel-Pflanzenschutz-Portfolio der Syngenta Agro GmbH.

Herr Urbaniak, welche Veränderungen beim Pflanzenschutz hat die Intensivierung der Kartoffelproduktion mit sich gebracht?

Viele Kleinflächen wurden in der Vergangenheit gar nicht behandelt. Der Phytophthora-Druck ist in unserem kontinentaleren Klima oft relativ gering. Alternaria war noch kaum bekannt. In den professionellen Betrieben ist heute die Pflanzenschutz-Intensität fast vergleichbar mit der in Ostdeutschland. 

Welche Krankheiten bzw. Schädlinge stehen im Vordergrund?

Alternaria tritt in den meisten Jahren verbreiteter auf als die Krautfäule. Interessanterweise finden wir auch Botrytis recht oft in den Beständen. Bei den Schädlingen steht eindeutig der Kartoffelkäfer im Vordergrund, den wir oft 2 – 3 Mal bekämpfen müssen.

Herr Roszewski, Sie sind in einem Züchterhaus tätig. Welche Rolle spielen Sorten und Pflanzgutvermehrung?

Die Produktivität war stark beeinträchtigt durch den weit verbreiteten Nachbau und der damit verbundenen geringen Pflanzgutqualität. Ein Teil des Produktivitätszuwachses der letzten Jahre ist der Einführung neuer, an den Marktbedürfnissen angepasster Sorten im Verarbeitungs- und Speisebereich zuzuschreiben. Wir selbst haben mit VERDI und LILLY europäische Sorten im Programm, die ihre Stärken auch in Polen zeigen. Zudem haben große Investitionen in die Lagerbedingungen zu einer massiven Verbesserung der Pflanzgutqualitäten geführt. Auch die Harmonisierung der Anerkennungsbedingungen auf europäische Normen sichern beste Pflanzgutqualitäten.

Welche Veränderung hat es noch im Kartoffelmarkt gegeben?

Die Produktion hat sich schnell verlagert: Weg von Selbstversorgung und „Ab Hof-Vermarktung“ hin zur Versorgung von westeuropäischen Supermarktketten. Die Belieferung der Zentralläger des Lebensmitteleinzelhandels (LEH) erforderte schlagkräftige Packbetriebe, die den wachsen-den Bedarf an Kartoffel-Kleinpackungen bereitstellen konnten. Mit den Vermarktungswegen haben sich auch die Qualitätsanforderungen geändert.

Stichwort Qualität - können Sie beschreiben, welche Parameter für die Qualität von Speisekartoffeln wichtig sind?

Die Lebensmittel-Ketten und Discounter arbeiten international. Sie setzen auch in Polen die gleichen strengen Qualitätsmaßstäbe wie in Westeuropa an, z.B. bei Parametern wie Beschädigungen, Schalenbeschaffenheit, Rhizoctonia-Pocken oder Silberschorf. Der LEH fordert zunehmend Kartoffeln mit makelloser optischer Qualität. Zudem ist ein guter Kartoffel-Geschmack den Konsumenten sehr wichtig, und viele Sorten spezifischen Geschmackes werden gezielt nachgefragt.

Herr Urbaniak, was bedeuten diese Qualitätsanforderungen für die Landwirte?

Für die Landwirte ist dies bei der derzeitigen Erlössituation natürlich eine große Herausforderung. Die geforderten Qualitäten lassen sich nur mit modernen Anbaumethoden auf höchstem Niveau produzieren. Dazu zählen auch Pflanzenschutzmaßnahmen wie die Pflanzgutbehandlung gegen Rhizoctonia und der konsequente Fungizidschutz bei Krautfäule und Alternaria.

Herr Roszewski, Kartoffeln werden ja nicht nur für den Frischverzehr, sondern auch für weitere Verwertungsrichtungen angebaut. Welche Entwicklungen lassen sich beobachten?

Ein sehr starkes Wachstum hat die Produktion von Kartoffeln für die Produktion von Kartoffelchips und Pommes frites erfahren. International tätige Verarbeitungsunternehmen bzw. Lebensmittelproduzenten haben sich in Polen niedergelassen und Produktionswerke errichtet. Die Versorgung mit „Kartoffel-Rohstoff“ wird auf der Basis von Anbauverträgen mit Landwirten im Einzugsbereich der Produktionsstätten sichergestellt. Für einen rentablen Anbau von Verarbeitungskartoffel sind hohe Erträge sowie gute und gleichmäßige Verarbeitungsqualitäten erforderlich. Dies erfordert hochprofessionelle Anbaumethoden. Ein Indiz dafür mag die Betriebsstruktur der Produzenten sein. Lediglich circa. 250 Betriebe bauen Kartoffeln für die sechs bedeutenden Kartoffelverarbeiter an.

Was sind nach Ihrer Ansicht aktuelle und zukünftige Herausforderungen für den Kartoffelanbau in Polen?

Die wirkliche Herausforderung ist die Erhaltung bzw. Erzielung der Wettbewerbsfähigkeit unter den Rahmenbedingungen eines gemeinsamen EU-Binnenmarktes. Wir gehen davon aus, dass der Strukturwandel insbesondere bei den Speisekartoffelproduzenten weiter voranschreitet. Nicht befriedigend und hinderlich ist die phytosanitäre Situation des Kartoffelanbaus in Polen. Deutliche Fortschritte wurden bei der Eindämmung von Kartoffel-Quarantäneschädlingen erzielt. Vor allem in der Pflanzgutproduktion und beim Kontraktanbau der Industrie konnte mit Pflanzgut, das mit hohem Einsatz getestet wurde, ein großer Schritt zu gesunder Produktion getan werden. Weiterhin wird  mit nationalen Programmen und EU-Hilfe an der Verbesserung in anderen Produktionsbereichen intensiv gearbeitet, um einen völlig barrierefreien EU-Binnenhandel zu ermöglichen.

Vielen Dank für die interessanten Einblicke und viel Erfolg bei den anstehenden Herausforderungen.

 

Weitere Informationen finden Sie hier:
•  
  Hintergrundinformationen zum Kartoffelanbau in Polen im Vergleich zu Deutschland zum Download
•    syngenta.de/Kartoffeln
•    Anmeldung zum Phytophthora-Modell Weihenstephan unter meinSyngenta