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Kartoffelproduktion in den Niederlanden: Herausforderungen für den Pflanzenschutz

Aktuelles Kartoffeln
19.01.2017

Kartoffelexperten im Gespräch: Interview mit Dr. Huub Schepers (Wissenschaftler am Wageningen Plant Research Center in Lelystadt, Holland) und Dr. Karsten Buhr (Technischer Experte Syngenta) 

 

Dr. Huub Schepers Dr. Huub Schepers ist Wissenschaftler und arbeitet an der Plant Research, Business Unit der Universität Wageningen in Lelystad, Holland. Dr. Schepers forscht über Pilzkrankheiten an Ackerbaukulturen, insbesondere an Kartoffeln. Er ist einer der Koordinatoren von EUROBLIGHT, einem Netzwerk europäischer Wissenschaftler und Spezialisten auf dem Gebiet Phytophthora und Alternaria. 


Herr Dr. Schepers, die Kartoffel ist eine Schlüsselkultur in der holländischen Landwirtschaft. Der Pflanzenschutz spielt dabei eine wichtige Rolle, um die hohen Qualitätsstandards abzusichern. Was sind in diesem Bereich und speziell in den Niederlanden die größten Herausforderungen?

Die Produktion von Pflanzkartoffeln spielt in unserem Land eine sehr wichtige Rolle. Deshalb müssen wir ein besonderes Auge auf Zystennematoden und Bakterienweichfäulen haben. Bei den Pilzkrankheiten ist insbesondere Phytophthora aufgrund seines hohen Schadpotentials am wichtigsten. Normalerweise hat die Praxis diese Krankheit aber gut im Griff. Bei uns sind eine Reihe sehr wirksamer Wirkstoffe zugelassen. Darüber hinaus besitzen unsere Kartoffellandwirte das Know-how, sehr wirksame Bekämpfungsstrategien durchzuführen. Alternaria macht uns in letzter Zeit mehr Sorgen.

Bleiben wir bei Alternaria. Wir wichtig ist diese Krankheit in den Niederlanden?

In den vergangenen Jahren nahmen Häufigkeit und Stärke von Alternaria ständig zu. Heute ist Alternaria eine echte Belastung für unsere Kartoffelproduktion. Wir schätzen, dass uns diese Krankheit jährlich circa 450.000 – 500.000 Tonnen Ertrag kostet.

Ein Hauptproblem liegt darin, dass sich Alternaria-Stämme ausbreiten, die weniger sensitiv gegenüber Qoi’s (Strobilurine, Anmerkung der Redaktion) und SDHI’s sind. Zudem steht uns per se nur eine begrenzte Anzahl an Produkten zur Kontrolle zur Verfügung. Der Wirkstoff Difenoconazol ist in der Zukunft dann wirklich entscheidend für nachhaltige Strategien gegenüber Alternaria.

Herr Dr. Schepers, Sie spielen eine wichtige Rolle in der EuroBlight Expertengruppe und leiten die Arbeitsgruppe Phytophthora. Eines der Resultate Ihrer Arbeit ist die „Krautfäule Fungizid Tabelle“ (siehe www.euroblight.net; Anmerkung der Redaktion). Wie nutzen holländische Kartoffelanbauer dieses Know-how?

Grundsätzlich gibt unser Institut in Lelystad keine Empfehlungen direkt an Landwirte. Aber wir schaffen zusammen mit einer Reihe von Kollegen in anderen europäischen Ländern die wissenschaftliche Basis dafür. Die EUROBLIGHT Gruppe arbeitet an verschiedenen Aspekten wie Epidemiologie, Rassen oder Fungizidresistenz. Darüber hinaus führen wir Versuche in verschiedenen Ländern durch. Das liefert uns eine breite Datenbasis, um Wirkstoffe und Produkte zu charakterisieren und um ihre Wirkung gegenüber Krautfäule und Alternaria zu vergleichen und zu bewerten.

In den Niederlanden nutzen viele Berater die „Krautfäule Fungizid Tabelle“ als Basis für ihre Empfehlungen. Auf diesem Weg findet unsere Arbeit Eingang in die Praxis. Am Rande ein kleiner Hinweis: Wir werden in diesem Jahr unsere Alternaria-Einstufungen überarbeiten und zwar in Anlehnung an das Phytophthora-Schema. Das wird europäischen Kartoffelanbauern noch nützlichere Informationen liefern.

Treten neben Phytophthora und Alternaria auch andere Pilzkrankheiten in der holländischen Kartoffelproduktion auf?

In einigen Regionen der Niederlande werden Kartoffeln in sehr engen Fruchtfolgen angebaut, im Extremfall jedes zweite Jahr. Dies sind Bedingungen, die das Auftreten von Rhizoctonia fördern. Aufgrund der hohen Ansprüche an Qualitäten bei Pflanz- und Speisekartoffeln betreiben die Landwirte einen hohen Aufwand in Form von Beizung und Furchenapplikation.

Auch findet man Colletotrichum oft auf Knollen. Gelegentlich sehen wir auch Sklerotina. Botrytis ist eher untergeordnet. Bislang haben wir uns mit diesen Krankheiten noch nicht sehr intensiv beschäftigt. Wir beobachten jedoch sehr aufmerksam, wie sie sich in der Praxis weiterentwickeln.

Wagen Sie einen Blick in die Zukunft. Welche Veränderungen erwarten Sie in den Niederlanden beim Pflanzenschutz?

Für mich als Pflanzenpathologe ist der Klimawandel einer der großen Treiber neuer Herausforderungen. Ich erwarte Veränderungen im Pathogen-Spektrum und bei der Dominanz einzelner Krankheiten. In näherer Zukunft kann dies bedeuten, dass insbesondere Alternaria weiter zunehmen wird.

Darüber hinaus werden möglicherweise „neue“ Insekten, die wir bislang in Nord- und Mitteleuropa nicht kennen, auftreten. Ich denke da zum Beispiel an die Kartoffelmotte, den Kartoffelerdfloh oder an bestimmte Zikaden. Letztere sind möglicherweise Vektoren für Bakterien und Mycoplasmen, die wir bislang bei uns nicht kennen.

Ein anderer Aspekt des Klimawandels sind die zunehmend unregelmäßigen Niederschläge. Dies kann dazu führen, dass die intensive Kartoffelproduktion zunehmend in Gebieten mit Beregnung verlagert wird. Ich bin ziemlich sicher, dass uns die Herausforderungen in unserer Kartoffelproduktion nicht ausgehen werden.

Vielen Dank für die interessanten Einblicke in die holländische Kartoffelproduktion und viel Erfolg für Ihre wissenschaftliche Arbeit, von der alle europäischen Kartoffelanbauer gerne profitieren.

Das Interview führte Dr. Karsten Buhr, Technischer Kulturexperte für Syngenta Deutschland und Österreich.

 

Weitere Informationen finden Sie hier:
•  
 Hintergrundinformationen zum Kartoffelanbau in den Niederlanden im Vergleich zu Deutschland zum Download
•    syngenta.de/Kartoffeln
•    Anmeldung zum Phytophthora-Modell Weihenstephan unter meinSyngenta