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Kartoffelanbau nicht ausdehnen

Aktuelles Kartoffeln
27.02.2017

Kartoffelexperten im Gespräch: Interview mit Christoph Hambloch, Marktanalyst Kartoffel bei der Agrarmarkt Informations-Gesellschaft mbH (AMI).

Kartoffelexperte Christoph HamblochHerr Hambloch, Marktanalyst Kartoffel bei der Agrarmarkt Informations-Gesellschaft mbH (AMI), ist seit 1992 in unterschiedlichen Unternehmen, Gremien und Verbänden als unabhängiger Experte für den Kartoffelmarkt tätig. Als Marktanalyst in der Agrarmarkt Informations GmbH informiert er derzeit die Branche zeitnah über aktuelle Entwicklungen in allen Segmenten des Marktes, wozu er auch Analysen und Prognosen liefert. 

Herr Hambloch, wodurch war der Markt für Speise- und Verarbeitungskartoffeln in Deutschland und in der EU 2016 gekennzeichnet? Was waren die wichtigsten Treiber?

Der Kartoffelanbau 2016 fußte auf einer mindestens ausreichend großen Anbaufläche, die eine reichliche Ernte hätte bringen können, wenn nicht Nässe im Frühjahr und Trockenheit und Hitze im Herbst in der Mitte und im Westen der EU zu Mindererträgen geführt hätten. Verarbeitungsrohstoff war im Besonderen betroffen. Die Nachfrage der Industrie wurde so zum Motor für die Marktentwicklung 2016/17.

Wenn wir über Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Kartoffelproduktion sprechen, blicken wir stark nach Frankreich und in die Niederlande. Was sind die wichtigsten Vor- und Nachteile dieser drei Länder im internationalen Vergleich?

Zunächst gibt es eine hohe Wettbewerbsfähigkeit nicht ohne hohe Professionalität in Züchtung, Anbau, Verarbeitung und Vermarktung. All das ist vorhanden. Dazu kommen verschiedene Standortfaktoren. 2016 hat gezeigt, wie wichtig die Ertrags- und Qualitätsabsicherung beispielsweise durch Beregnung ist. Die gibt es im Nordosten Frankreichs, in den Niederlanden oder in der Heide in Deutschland sehr verbreitet, nicht aber in Belgien. Gute Böden alleine können nicht alle Wetterkapriolen ausgleichen. Frankreichs Speisekartoffelanbau profitierte viele Jahre von weiten Fruchtfolgen. Top Optik, die vor allem auf den Kalkverwitterungsböden in der Champagne produziert werden konnte, ließ sich frachtgünstig nach Südeuropa verkaufen. Viele Verarbeiter mit hoher Innovationskraft in günstiger Frachtstellung zum Weltmarkt sind das Fundament der Marktentwicklung im Benelux-Raum, aber auch in Deutschland. Der steigende Bedarf an Verarbeitungsrohstoff führte allerdings zu engen Fruchtfolgen. Das ist schlecht für Pflanzengesundheit und Qualität und schränkt die Expansionsmöglichkeiten ein.

Wie schätzen Sie die Situation für Stärkekartoffeln bei uns ein? Welche weitere Flächenentwicklung erwarten Sie?

Nach mehrjährigem Schwund des Stärkekartoffelanbaus scheint sich die Fläche zu stabilisieren. Im EU-Ausland ist sie 2016 häufig schon wieder angestiegen. Die Vorausset-zungen dafür scheinen auch im kommenden Wirtschaftsjahr noch zu halten: Global gute Nachfrage nach Stärke aus Kartoffeln einerseits und geringe Wettbewerbsfähigkeit vieler anderer Feldfrüchte andererseits. Der Anbau wird dieses Jahr sicherlich ausgedehnt.

Etwas genereller gefragt: Welche Prognose wagen Sie zur weiteren Entwicklung der Kartoffelflächen? Wird es größere Verschiebungen zwischen den EU-Ländern oder darüber hinaus geben?

Ich fürchte, dass der Kartoffelanbau für jegliche Verarbeitung von Nordfrankreich bis nach Niedersachsen ausgedehnt wird. Es könnte sich noch als günstiger Umstand erweisen, dass teures und knappes Pflanzgut die Möglichkeiten begrenzt. Speisekartoffeln werden im Norden Deutschlands eher verlieren und in anderen Landesteilen kann für Regionalprogramme mehr gepflanzt werden. Polen wird wegen der riesigen Vorjahresernte den Anbau wieder begrenzen und in Südeuropa könnte der langfristig rückläufige Anbautrend nach einem Hochpreisjahr vorübergehend unterbrochen werden. Wie gesagt: Das Pflanzgut ist aber ein begrenzender Faktor.

Die Pflanzung der Frühkartoffeln steht unmittelbar bevor oder ist vielleicht sogar schon angelaufen: Wie lässt sich das momentane Marktumfeld beschreiben?

Günstig. Lagerkartoffeln werden sicherlich nicht länger als 2016 reichen. Angesichts der vielen alternativen Absatzmöglichkeiten, der geringen Ausbeuten und der Probleme im Lager wird vielleicht noch früher auf Frühkartoffeln aus dem Mittelmeerraum umgestellt. Diese wiederum werden nicht wesentlich umfangreicher als vor einem Jahr erwartet. Derzeit ist ein Szenario denkbar, in dem Ware aus Ägypten vor den Spaniern freie Bahn hat, da letztgenannte etwas verspätet kommen könnten. Spanier stoßen dann bis Mitte Juni auf einen aufnahmefähigen Markt und festschalige Frühkartoffeln aus Deutschland werden vielleicht nicht mehr von Importen bedrängt. Wer wann was hat, bestimmt aber wie immer das Wetter der kommenden Monate.

(Anmerk. der Redaktion: Ausführlichere Infos zur Marktsituation in Frühkartoffeln und den anderen Marktsegmenten finden Sie in den Hintergrundinformationen von Herrn Hambloch)

Sie beschäftigen sich ja auch intensiver mit dem Konsumverhalten der Bevölkerung im Zusammenhang von Kartoffelprodukten. Wie sind die Trends und was sind die Konsequenzen für den Anbau?

Der Frischkartoffelverbrauch schwindet immer weiter. Vorgefertigte Lebensmittel stehen beim Verbraucher im und außer Haus hoch im Kurs. Bei einigen, wie den Pommes frites, ist der Markt aber nahezu gesättigt. Gekühlte Kartoffelspezialitäten erfuhren in den vergangenen Jahren wachsenden Zuspruch. Da geht wohl noch etwas. Trotz der bekannten Bedenken lassen sich die Konsumenten nicht von Kartoffelchips abbringen. Im Gegenteil: Knabbergenuss ist ihnen wichtig und die Chipshersteller verstehen es, den Bedarf zu bedienen. Einzig Kartoffel-trockenprodukte wie Püree verlieren.

Die Kartoffel Marketing GmbH (KMG) hat eine Kampagne gestartet, um die Vorzüge der Kartoffel für die Ernährung vor allem der jüngeren Generation nahe zu bringen. Können Sie uns etwas zur Resonanz dieser Kampagne sagen?

Seit Mai 2016 hat der Zuspruch für die Seite www.die-kartoffel.de kräftig zugenommen. Nur im Dezember scheinen die Internetnutzer anderes zu tun gehabt zu haben. Die Verbraucher sind sehr an den tollen Rezepten und den Videos dazu interessiert. Mit deren Hilfe wird die Zubereitung ganz einfach und gelingt. Dem Zeitgeist geschuldet ist wohl der ganz besonders hohe Zuspruch für einen Beitrag zum veganen Käse aus Kartoffeln und zum Vergleich von Kartoffeln und Süßkartoffeln. Der Mix aus Rezepten und interessanten Infos kommt gut an. Den meisten, die dieses Interview lesen, liegt die Kartoffel wohl besonders am Herzen. Sie alle können etwas für deren Wohl tun und die Seite besuchen, liken, im Bekannten- und Verwandtenkreis bewerben usw. Auch das Abonnement des kostenlosen „Newslecker“ am Ende der Seite lohnt sich.

Sehr geehrter Herr Hambloch, vielen Dank für das interessante Gespräch.

 

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