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Durchwuchskartoffeln: Wenn eine Kultur zum „Unkraut“ wird

Aktuelles Kartoffeln
09.05.2018
Durchwuchskartoffeln
Quelle: Dr. Rolf Peters, Versuchsstation Dethlingen

Paul Steingröver, Pflanzenschutz-Experte auf der Bezirksstelle Bremervörde, Landwirtschaftskammer Hannover und Dr. Martin Schulte, Herbizid-Experte bei Syngenta tauschen ihre Erfahrungen und Empfehlungen zur Bekämpfung von Durchwuchskartoffeln aus. 

Herr Steingröver, ist die Kartoffel inzwischen zu einem „Leitunkraut“ geworden?

Sicherlich ist der Begriff „Leitunkraut“ übertrieben, aber wir stellen seit geraumer Zeit eine kontinuierliche Zunahme von Durchwuchskartoffeln auf unseren Äckern fest. Damit einhergehend, nehmen natürlich auch die Anfragen aus der Praxis zu, wie damit umzugehen ist.

In welchen Kulturen Ihres Beratungsgebietes finden Sie schwerpunktmäßig Kartoffeldurchwuchs?

Letztlich zeigt sich die Durchwuchsproblematik in allen Kulturen, die bei uns in Kartoffelfruchtfolgen stehen. Das heißt in erster Linie die am meisten angebauten Kulturen Getreide und Mais. Zuckerrüben und andere Ackerbaukulturen sind in unserem Beratungsgebiet die Ausnahme. Und wir dürfen natürlich nicht vergessen: Kartoffeln können auch in Kartoffeln problematisch werden – speziell in engen Fruchtfolgen.

Kartoffelexperte Paul SteingröverPaul Steingröver, langjähriger Berater für Pflanzenschutz (LWK Niedersachsen, Bezirksstelle Bremervörde) mit Schwerpunkt Kartoffeln 

Herr Schulte, welche Probleme können Durchwuchskartoffeln in Fruchtfolgekulturen mit sich bringen?

Grundsätzlich steht natürlich die Konkurrenz um Licht, Wasser und Nährstoffe in allen Kulturen im Vordergrund. Da Mais in der Jugendphase konkurrenzschwach ist, gilt dies hier ganz besonders. In Getreide steht dieser Aspekt nicht im Vordergrund. Hier kann, vor allem in Lagergetreide, die Ernte erheblich erschwert werden. Zudem wird die Kornfeuchtigkeit erhöht und die Strohbergung verzögert sich.

Und kann sich die Kartoffel auch „selbst Probleme machen“?

Ja, am weitreichendsten und gefährlichsten ist der Kartoffeldurchwuchs aus phytosanitärer Sicht. Bekanntlich führen enge Fruchtfolgen zu einer Anreicherung von Krankheiten und Schädlingen im Boden. Kartoffeldurchwuchs verkürzt praktisch die Anbaupause. Konkret sind Pilzkrankheiten zu nennen, die die Knollenqualität massiv beeinträchtigen können, wie Rhizoctonia, Colletotrichum-Welke und Silberschorf. Durchwuchskartoffeln können aber auch die Brücke für Alternaria oder die Quelle von „versteckten“ Krautfäule-Infektionen sein. Ferner können sie mit Viruskrankheiten infiziert sein, was insbesondere bei benachbarten Pflanzgutvermehrungen kritisch sein kann.

Herr Steingröver, wie sieht der Zusammenhang zwischen Durchwuchskartoffeln und Bodenschädlingen aus?

Besonders gefährlich ist die Vermehrung und Ausbreitung der zystenbildenden Kartoffelnematoden. Durch weit gestellte Fruchtfolgen und dem Anbau resistenter Sorten ist es in der Vergangenheit gelungen, den Gelben Kartoffelnematoden (Globodera rostochiensis) zu reduzieren. Der Weiße Kartoffelnematode (Globodera pallida) hat sich dagegen ausgebreitet, weil mit Ausnahme der Stärkeproduktion kaum resistente Sorten zur Verfügung stehen. Die Nematoden sind inzwischen eine ernste Bedrohung einiger Kartoffelstandorte. Kartoffeldurchwuchs muss daher konsequent entgegengewirkt werden.

Welche spezielle Problematik können die Durchwuchskartoffeln für Kartoffelvermehrungsbetriebe mit sich bringen?

In Vermehrungsbeständen besteht die Gefahr, dass die Sortenreinheit nicht mehr gegeben ist und es somit zu Aberkennungen von Pflanzgutbeständen kommen kann. Ferner sind Durchwuchskartoffeln oft mit Viren infiziert – was eine stete Infektionsquelle auch von Nachbarflächen darstellt. Der Aufwand für die Bereinigung der Vermehrungsbestände steigt auf jeden Fall.

Herr Steingröver, mit welchen ackerbaulichen und technischen Maßnahmen kann dem Problem Durchwuchskartoffel begegnet werden?

An erster Stelle steht die Fruchtfolge. Die Problematik ist umso größer, je enger die Kartoffel in der Fruchtfolge steht. Wichtig sind eine gute Unkrautkontrolle sowie eine konsequente Sikkation. Letzteres kommt vor allem bei spät reifenden Sorten zum Tragen, die zu Krauthängigkeit neigen. Bei der Ernte sollte die Einstellung des Roders besonders sorgfältig erfolgen, um Knollenverluste zu minimieren.

Kann auch die Sortenwahl einen Beitrag leisten?

In gewissen Grenzen ist dies möglich. Manche Sorten sind sehr kleinfallend oder haben eine inhomogene Knollengrößenverteilung. Aber oft kann man an dieser Schraube nicht drehen, da die Vermarktungsfähigkeit der jeweiligen Sorte natürlich im Vordergrund steht.

Kartoffelexperte Dr. Martin SchulteDr. Martin Schulte, Technischer Experte Herbizide Syngenta, Nord-, West- und Mitteleuropa mit Schwerpunkt Mais und Sonnenblumen

Herr Schulte, was ist bei der Bekämpfung von Durchwuchskartoffeln zu beachten?

Generell handelt es sich um ein fachlich anspruchsvolles Thema. Neben der Wirkung gegen die Kartoffeln muss ja auch die Verträglichkeit in der jeweiligen Kultur gegeben sein. Am besten und sichersten sind die Bekämpfungserfolge in Mais, weil dort Wirkstoffe zur Verfügung stehen, die die genannten Voraussetzungen gut erfüllen. Vor allem die Triketone seien hier genannt.

Herr Steingröver, haben Sie dazu langjährige Praxiserfahrungen, über die Sie berichten können?

Die Details würden sicherlich den Rahmen dieses Interviews sprengen. Ich verweise daher gerne auf einen Fachartikel, den wir kürzlich in der Land & Forst (Landwirtschaftliches Wochenblatt im Kammergebiet Hannover, Anmerkung der Redaktion) veröffentlicht hatten (Artikel zum Download).

Wir hatten im Februar eine längere Frostperiode. Hat sich damit das Thema Durchwuchskartoffeln für 2018 bereits erledigt?

Sicherlich ist die Situation in Frühjahr 2018 „entspannter“ als in anderen Jahren. Die Fröste sind zum Teil bis in eine Tiefe von 20 - 30 cm gelangt. Kartoffelknollen können aber noch tiefer liegen. Und war eine Schneedecke oder Bewuchs auf dem Schlag, konnte der Frost auch deutlich weniger tief eindringen. Auf nicht gerodeten Flächen sind die Kartoffeln glücklicherweise größtenteils erfroren. Es wäre dennoch falsch, Entwarnung zu geben. Die Praxis sollte auf jeden Fall ihre Schläge aufmerksam beobachten.

Herr Schulte, wie lautet Ihre Empfehlung für Standorte auf denen Landwirte auch in diesem Jahr Kartoffeln in einer anderen Kultur bekämpfen müssen?

Wir haben uns von Syngenta mit dieser Fragestellung vor allem im Mais beschäftigt. Mit Mesotrione ist eine sichere und effektive Kontrolle möglich. Dieser Wirkstoff ist in mehreren unserer Maisherbizide enthalten. In unserem Hintergrundartikel haben wir dazu Informationen und Empfehlungen für die Praxis zusammengestellt.

Vielen Dank für das interessante Gespräch.