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Bodenschädlinge auf dem Vormarsch

Aktuelles Kartoffeln
03.04.2017

Die Berichte über Qualitätsprobleme und Ertragseinbußen in Folge eines Befalls durch Bodenschädlinge nehmen zu. In diesen Indikationen sind sehr wenige Pflanzenschutzmittel zugelassen, die wirkungsvolle Bekämpfungsstrategien ermöglichen. Die Kartoffelexperten Mark Mitschke (Landwirtschaftlicher Beratungsdienst Heilbronn) und Dr. Karsten Buhr (Technischer Kulturexperte Kartoffeln, Syngenta) erörtern die Situation.

 

Mark Mitschke

 

Mark Mitschke
Seit 25 Jahren Anbauberater für Kartoffeln beim Landwirtschaftlichen Beratungsdienst Heilbronn. Dieser wurde 1989 gegründet und berät in allen Fragen des Anbaus und der Vermarktung derzeit 500 Mitglieder mit rund 6.500 ha Anbaufläche in Baden-Württemberg, Hessen und Bayern. Auslandsprojekte in Chile und der Mongolei werden ebenfalls betreut.

 

 

 

Herr Mitschke, wenn wir über Bodenschädlinge sprechen – welche Arten sind aus Ihrer Praxiserfahrung besonders wichtig?

Im Wesentlichen haben wir es mit verschieden Nematoden und Insekten zu tun. Bei den Nematoden sind dies die zystenbildenden Arten Globodera rostochiensis und Globodera pallida sowie einige freilebende Arten, insbesondere die Trichidoriden. Bei den Insekten sind es in erster Linie Drahtwürmer, die Larven von Schnellkäfern, die zunehmend große Probleme bereiten. Leider nehmen auch die Probleme mit Ackernacktschnecken zu, sogar auf sandigen Standorten.

Sind diese Schädlinge für alle Produktionsrichtungen der Kartoffel gleichermaßen bedeutsam?

Zwischen den verschiedenen Erregern gibt es hinsichtlich ihrer Schadwirkung sowie ihrer regionalen Bedeutung große Unterschiede und Besonderheiten. Nematoden schädigen die Kartoffeln durch ihre Saugtätigkeit an den Wurzeln, was insbesondere bei hohen Besatzdichten deutliche Ertragsverluste zur Folge haben kann. Für die Produktion von Speise- und Verarbeitungskartoffeln, wie beispielsweise für Tiefkühlprodukte, sind die Trichidoriden für die Produktqualität relevant. Sie übertragen das Tabak-Rattle-Virus, das für die Symptome der virösen Eisenfleckigkeit verantwortlich ist. Die zystenbildenden Nematoden sind zudem Quarantäneschädlinge. Ihr Auftreten ist meldepflichtig.
Drahtwürmer beinträchtigen durch ihre Frassaktivität die Knollenqualität. Bereits ab einem Drahtwurmloch sind die Kartoffeln nicht mehr verkäuflich. Zudem schaffen sie Eingangspforten für Dry Core. Damit sind Drahtwürmer insbesondere ein Problem für den Anbau von Qualitätsspeise- und Veredelungskartoffeln. Und dies in immer mehr Regionen in Deutschland.

 

Kartoffelexperte Karsten Buhr

 

Karsten Buhr
Technischer Experte Kartoffeln bei Syngenta. Er ist fachlich verantwortlich für das Kartoffelportfolio von Syngenta. Mit Einführung von Ortiva und Revus Top stellt die Alternaria-Bekämpfung einen Schwerpunkt in der fachlichen Beratung, der Versuchsarbeit und im Resistenzmonitoring dar.

 
 

 

Herr Dr. Buhr, wie hat sich die Problematik der Bodenschädlinge in den letzten Jahren entwickelt? Was sind die Hauptgründe für Veränderungen?

Der Kartoffelanbau konzentriert sich immer mehr in stark spezialisierten Betriebe mit relativ engen Kartoffel-Fruchtfolgen von vier Jahren und weniger. Dies fördert das Risiko steigender Populationen der zystenbildenden Nematoden-Arten. Infolge der milden Winter trat in den letzten Jahren zudem vermehrt Kartoffeldurchwuchs auf.
Verantwortlich sind auch die betriebswirtschaftlich oder agrarpolitisch motivierten Bewirtschaftungssysteme. (Anm. der Redaktion: Lesen Sie dazu mehr in unserem Hintergrundartikel). Diskutiert wird auch, dass sich durch den Klimawandel die Zusammensetzung des Schnellkäfer-Artenspektrums verändert. Ob hier einen Zusammenhang mit der Zunahme der Drahtwurmschäden besteht, ist unklar. Hier besteht noch Forschungsbedarf. 

Welche Instrumente hat der Landwirt an der Hand, um Nematoden-Schäden zu begegnen?

Hochwirksame Produkte bzw. Wirkstoffe für eine direkte chemische Nematoden-Kontrolle stehen aktuell nicht zur Verfügung. Vorbeugende Maßnahmen sind daher das A und O, insbesondere hinsichtlich der als Quarantäneschädling eingestuften zystenbildenden Nematoden. Dazu zählen die Verhinderung der Einschleppung von Nematoden, möglichst weite Fruchtfolgen sowie die Kontrolle bzw. das Vermeiden von Kartoffeldurchwuchs.
Sehr wichtig ist der Anbau resistenter Sorten. Die Züchtung hat viele Sorten mit breiter Resistenz gegen die unterschiedlichen Pathotypen von Globodera rostochiensis zur Verfügung gestellt. Resistenzen gegen Globodera pallida sind zurzeit weit weniger verfügbar. Bei der Sortenwahl sollten vorhandene Resistenzen konsequent genutzt werden. Auch zu diesem Thema mehr in unserem Hintergrundartikel (hier zum Download).

Sorten mit einer Resistenz gegen freilebende Nematoden sind nicht verfügbar. Hier muss über pflanzenbauliche Maßnahmen gegengesteuert werden, zum Beispiel über den Anbau geeigneter Zwischenfrüchte. Ein guter Ölrettich ohne Unkräuter und Ausfallgetreide vor der Kartoffel vermindert das Risiko von Tabak-Rattle-Schäden in der folgenden Kartoffel. Rauhafer ist eine der wenigen Arten, an der sich Pratylenchen nicht vermehren können. Sein Anbau reduziert die Population dieser Nematoden.

Herr Mitschke, das Thema Drahtwurm liegt Ihnen besonders am Herzen. Wo liegen die Hauptprobleme?

In den von mir und meiner Kollegin betreuten Anbaugebieten in Baden-Württemberg, Hessen und Bayern werden überwiegend Speisekartoffeln angebaut, zu einem wesentlichen Anteil als Frühkartoffeln mit entsprechend hohem Aufwand. In den letzten Jahren mussten wir zunehmende Qualitätseinbußen durch Drahtwurmbefall feststellen. Offenbar befinden wir uns in einem „Drahtwurm-Hotspot“. Bei der Vermarktung werden hohe Anforderungen an die äußere Qualität gestellt. Daher werden höhere Absortierungen erforderlich. Mitunter sind die Beeinträchtigungen so stark, dass Partien nicht mehr als Speisekartoffeln vermarktet werden können. Die Rentabilität des Kartoffelanbaus ist mitunter nicht mehr gegeben.

Welche Bekämpfungsmöglichkeiten bleiben der Praxis 2017 gegen diesen Schädling?

Pflanzenbaulich haben wir nur wenig in der Hand: Eine erhöhte Bodenbearbeitung in allen Kulturen vor und um die Kartoffel sowie eine zeitnahe Ernte nach der Krautabreife bzw. Krautabtötung. Dies sind aber nicht immer befriedigende Möglichkeiten.

Wir setzen uns seit 2015, zusammen mit allen relevanten Verbänden und der Pflanzenschutz-Industrie stark dafür ein, neue Produktzulassungen zu bekommen – kurzfristig auch als Notfallzulassungen nach Artikel 53. Verschiedene biologische Präparate stehen jetzt zumindest für die Saison 2017 zur Verfügung, die uns vermutlich bedingt weiter helfen. Wir würden es sehr begrüßen, wenn möglichst zeitnah neue Lösungen bzw. Produkte zur Reduzierung von Drahtwurmschäden verfügbar werden. Diese sollten mit den üblichen fungiziden Beizen kompatibel sein. Andernfalls wird die Kartoffelproduktion in manchen Regionen teurer und arbeitsaufwändiger und das mit schlechterer Ausbeute.

Herr Dr. Buhr, wie sehen Ihre Empfehlungen für eine Bekämpfungsstrategie gegen Nematoden in der anstehenden Saison aus?

Pflanzenbauliche Maßnahmen wurden bereits angesprochen. Auf befallenen Flächen hat die Bekämpfung nach den Bestimmungen der Verordnung zur Bekämpfung der Kartoffelzystennematoden zu erfolgen. Es dürfen nur Sorten angebaut werden, die resistent gegen jene Pathotypen sind, die auf der jeweiligen Fläche nachgewiesen wurden. Die stärkste Reduzierung der Nematoden-Population wird erreicht, wenn dabei zusätzlich das gegenwärtig einzige zur Nematoden-Kontrolle zugelassen Produkt Nemathorin 10 G angewendet wird.

Anmerken möchte ich auch, dass Syngenta dabei ist, Lösungen gegen Drahtwurm zu erarbeiten. 

Vielen Dank für das interessante Gespräch.

 

Weitere Informationen finden Sie hier: